Medizin

Voce faringea - ein wieder entdeckter Gesangsstil

Was Künstlerische Forschung leisten kann, zeigt die Dissertation des Tenors Alexander Mayr

USCHI SORZ | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Als der französische Tenor Gilbert Louis Duprez 1837 als Arnold in Rossinis "Guillaume Tell" an der Pariser Oper sein hohes C sang, löste er damit zunächst Entsetzen aus. Rossini selbst war wenig glücklich über Duprez's Spitzentöne und verglich sein hohes C mit dem Schrei eines Kapauns, dem man die Kehle durchtrenne.

Dieser für damalige Zeiten ungewöhnliche Gesangsstil mit lauten, dramatischen Tönen sollte sich aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Operngesang gegenüber der vormals fein nuancierten Vokalkunst der "Tenori di grazia" durchsetzen, erzählt der Tenor Alexander Mayr, Absolvent der Künstlerischen Doktoratsschule in Graz.

Ziel seiner artistic research war es, die künstlerische und wissenschaftliche Rekonstruktion jener längst vergessenen Gesangsart, seinerzeit auch "voce faringea" genannt, neu zu entdecken. Seine Forschungserkenntnisse konnte Mayr schließlich mit seiner Interpretation der exponierten Partie des Arkenholz in Aribert Reimanns Oper "Die Gespenstersonate" an der Frankfurter Oper eindrucksvoll unter Beweis stellen.

"Wenn ein Tenor sich die vergessene Technik der "voce faringea" durch Quellenstudien und Experimentieren mit der eigenen Stimme aneignet, wird er das gesamte Gesangsrepertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts völlig anders singen und interpretieren, als es bisher üblich war", ergänzt der Leiter der Künstlerischen Doktoratsschule, Ulf Bästlein. Das werde dann auch Rückwirkungen auf die gesamte Aufführungspraxis haben. Es habe immer wieder Musiker gegeben, die über ihr eigenes künstlerisches Tun reflektierten, wie etwa Harnoncourt, Fischer-Dieskau, Brendel u.a, um sich weiter zu entwickeln. In Graz bietet man seit 2009 Musikern einen akademischen Ort, an dem sie ihre artistic research mit Unterstützung von verschiedenen Experten und im Dialog mit anderen künstlerisch Forschenden betreiben können.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige