Haidingers Hort der Wissenschaft

Wie ein Österreicher das Internet erfand

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

Martin Haidinger | aus HEUREKA 3/15 vom 01.07.2015

Sein Computer stürzte immer häufiger ab: Plötzlich verschwand das Bild, wie eingesogen vom summenden Inneren des Gerätes, und nur ein weißes Flackern blieb zurück. Er gewöhnte sich daran, mit der Hand zu schreiben."

Autsch! Wie schmerzhaft wir es dem Wissenschafter David Mahler nachfühlen können, wenn er verzweifelt vor dem Rechner schwitzt und seinen Vortrag für den nahenden Kongress im Cyberspace verglimmen sieht!

Erfunden hat den fetten, herzleidenden Forscher der Schriftsteller Daniel Kehlmann und in seinem Frühwerk "Mahlers Zeit" 2001 auf Papier verewigt.

Womit erzählt werden soll, dass EDV schon längst zum Thema der Poeten geworden ist, und - jetzt halten Sie sich gut fest - sogar ein bedeutender österreichischer Kulturphilosoph vor mehr als hundert Jahren in seinem Essay "Dichtkunst ist Atavismus" eine Vision des Internets entwickelt hat!

Egon Friedell sieht es schon 1912 als "nicht ausgemacht, daß die Literatur von nun an ein für allemal das wichtigste geistige Ausdrucksmittel bleiben wird. und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß es in hundert Jahren eine Art der publizistischen Wirksamkeit geben wird, die der Schriftstellerei an Eindringlichkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ebenso überlegen ist wie das Buch und die Tageszeitung dem Kanzelredner und Wanderprediger.

Die Dichter, die wir bis jetzt gesehen haben, haben alle ihre verfügbare Poesie und Romantik auf lyrische Gedichte abgezogen oder in einen Roman eingedünstet. So bleibt nichts für das Leben übrig. ... Es ist außerdem auch gar nicht ausgemacht, daß zum Dichten notwendig 'Werke' gehören. Ja, es ist noch sehr die Frage, ob jene Genialität nicht höher steht, die sich in den täglichen improvisierten Lebensäußerungen eines Menschen offenbart. ...

Vielleicht wäre der größte Künstler derjenige, der sagen könnte:,Das einzige Kunstwerk, das ich geschaffen habe ist meine Biographie!'" Beziehungsweise mein Blog und mein Facebook-Profil, in dem meine "Freunde" heute vom mittäglichen Verzehr von Grammelknödeln (samt Foto!), morgen den medizinischen Beschwerden diverser Haustiere (samt Katzenfoto!), und dereinst von meinem irdischen Ableben durch den lapidaren Vermerk "Status geändert" erfahren werden.

Nein, diese Banalität des Internets hat der Schöngeist Egon Friedell freilich nicht erahnen können.

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