Freistetters Freibrief

Konferenzen

Florian Freistetter | aus HEUREKA 3/15 vom 01.07.2015

Mitte Juli werden sich in der Wiener Hofburg mehr als eintausend Mitglieder der Gesellschaft für Molekularbiologie und Evolution zu ihrem Jahrestreffen versammeln. Kurz danach werden an der Uni Wien fast ebenso viele Wissenschafter zur Konferenz der Europäischen Physikalischen Gesellschaft über Hochenergiephysik erwartet. In der Hauptstadt gibt es fast ständig wissenschaftliche Konferenzen. Auch im Rest der Welt treffen sich Forscherinnen und Forscher aller Disziplinen, um sich gegenseitig ihre neuesten Arbeiten vorzustellen. Ist das wirklich notwendig?

Nutzt es der Forschung wirklich, wenn sich die Wissenschafter in Vortragssäle drängen, um dort einen Vortrag nach dem anderen zu hören (von denen viele oft erstaunlich schlecht vorbereitet und vorgetragen werden)? Die neuen Facharbeiten der internationalen Kollegen lassen sich mittlerweile alle auch online beziehen. Wissenschaftliche Diskussionen und Planungsgespräche können per E-Mail oder Videokonferenz geführt werden, ohne dafür bis zu 620 Euro Tagungsgebühr bezahlen zu müssen, wie es bei der SMBE-Konferenz der Fall ist.

Nein, wenn es nur um den rein fachlichen Austausch gehen würde. Die Treffen sind aber aus anderen Gründen weiterhin unerlässlich. Das Klischeebild des einsam in seinem Labor arbeitenden Forschers hat nichts mit der Realität zu tun. Vor allem die Naturwissenschaft funktioniert fast nur noch im Team. Ohne Kreativität gibt es keinen Fortschritt, und der persönliche Kontakt kann in kurzer Zeit mehr erreichen als jahrelange Kommunikation per E-Mail.

Fragt man Wissenschafter, wovon sie bei einem Konferenzbesuch am meisten profitieren, sind es meist nicht die Vorträge, sondern die Veranstaltungen des Rahmenprogramms, bei denen man gemeinsam einen Ausflug macht, in ein Restaurant geht oder in der Hotelbar sitzt. Bei diesen ungezwungenen und inoffiziellen Gesprächen werden die Grundlagen für die nächsten Forschungsprojekte gelegt. Das ist die Kür - und die Vorträge untertags nur die (oft langweilige) Pflicht.

Braucht es also Konferenzen? Ja, weil sie den persönlichen Kontakt vereinfachen. Auf das Vortragsprogramm könnte man aber ruhig verzichten.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple

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