Der verlängerte Zukunftsgestaltungsarm

Professoren und Dekane österreichischer Informatik-Fakultäten über den Sinn der Plattform Informatik Austria

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 3/15 vom 01.07.2015

Was haben Herzschrittmacher, Mondlandung, DNA-Sequenzierung und Kernspintomografie gemeinsam? - Sie alle wären ohne die Leistungen der Informatik nicht möglich gewesen", sagt der Informatiker Alois Ferscha von der Universität Linz.

Gerald Steinhardt, Dekan der TU Wien, bringt es auf den Punkt: "Die Informatik ist eine Universalwissenschaft, eine Grundlagenwissenschaft, ohne die in Alltag und Arbeit, aber auch in anderen Wissenschaften nichts mehr geht."

Das Spannende sei, dass es die Probleme, zu deren Lösung sie beiträgt, in der wirklichen Welt gibt: "Informatik ist überall: im Haushalt, im Krankenhaus, im Auto ..." Die Problemlösung für diese praxisrelevanten Probleme finde zwar auf einer abstrakten Ebene statt, doch dann, so Steinhardt, "implementieren wir die theoretische, allgemeine Lösung in konkrete Anwendungen".

Grund und Zweck von Informatik Austria

Um in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, was die Informatik leistet - dass sie mehr ist als E-Mail, Facebook und Smartphone -, kam es zur Gründung der Plattform Informatik Austria. Das ist keine Institution, sondern ein lockerer Zusammenschluss von Informatik-Fakultäten an österreichischen Universitäten, aber auch außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie dem IST Austria.

"Mit ,Plattform' ist hier ein Kompetenznetzwerk wissenschaftlicher Leistungsträger gemeint", erklärt Alois Ferscha, "das Andockstellen für Forschung und Entwicklung in Industrie und Wirtschaft sowie für das österreichische Bildungs- und Innovationssystem bereitstellt." Akteure im Netzwerk seien die einzelnen Wissenschafter mit ihrer Forschungsleistung und Innovationskraft. "Gremien, Fachbereiche, Fakultäten und universitäre Standorteitelkeiten waren gestern", so Ferscha. Entstanden ist das Ganze aus dem "Vienna Summer of Logic" des Vorjahres. Er ist auch medial sehr gut angekommen, "obwohl Logik kein Allerweltsthema ist", wie Gerhard Friedrich vom Institut für Angewandte Informatik der Universität Klagenfurt sagt.

"Informatik Austria kann dazu beitragen, dass die Menschen sich der allgegenwärtigen Rolle von Informatik mehr bewusst sind", sagt Wolfgang Klas, Dekan der Informatikfakultät der Uni Wien. Dies könne dazu führen, "dass sich mehr junge Menschen für ein Informatikstudium interessieren, und Politik sowie Entscheidungsträger in Wirtschaft und Verwaltung der Wichtigkeit der Informatik als Disziplin, Wirtschaftsfaktor und Motor für unseren Fortschritt stärker bewusst werden".

Die österreichische Informatik gehört zur weltweiten Spitzenforschung. Doch das ist außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde leider kaum bekannt.

Dass etwa die Informatik der TU Wien im Ranking von US News unter die Top 3 der deutschsprachigen Informatikfakultäten gereiht wurde, sei medial untergegangen, erklärt TU- Dekan Steinhardt. Die Plattform könne helfen, Studierende aus dem Ausland nach Österreich zu holen. Die Informatik an österreichischen Universitäten soll attraktiver für internationale Forscher und Forscherinnen werden - von Master- und PhD-Studierenden bis zu Lehrenden.

Die neue Plattform soll Informatik international sichtbarer machen

"Die Plattform gibt der Informatik in Österreich ein Gesicht und erhöht ihre Sichtbarkeit. Sie schafft Synergien, informiert über die Schwerpunkte der einzelnen Standorte und trägt dazu bei, Österreich national und international als Informatik-Kompetenzzentrum zu positionieren", so Steinhardt.

Nicht nur die Kommunikation nach außen, auch die innerhalb der Informatik soll über die Plattform verbessert werden. "Die Hoffnung ist die, dass wir, wenn wir mehr miteinander reden, ein besseres Angebot legen können für die Studierenden und letztendlich schlagkräftiger werden in der Forschung", sagt Gerhard Friedrich. Das sei vor allem auch deshalb notwendig, weil die Fakultätsstrukturen der Universitäten äußerst unterschiedlich gestaltet sind: "In Klagenfurt ist die Informatik eingebettet in eine technische Fakultät, die sehr informationstechnisch ist. Als Informatiker bringe ich als Dekan dieser Fakultät die Anliegen und Wünsche auch der Informationstechniker ein", so Friedrich.

Ein anderer Sonderfall ist Linz, wie Alois Ferscha erklärt: Obwohl dort 1969 das österreichweit erste Informatikstudium etabliert wurde, hat die Uni dort bis heute keine eigene Informatik-Fakultät. "Linz als die 'Wiege der Österreichischen Informatik', wie es im "Informationswissenschaftlichen Programm" von 1968 heißt, ist anders. Das gilt leider auch für die universitäre Organisation. Die Leistungsträger der Linzer Informatik haben sich wiederholt - 1994,2012 - um die Chancen einer internationalen Positionierung durch die Einrichtung einer Fakultät für Informatik bemüht - vergeblich."

Positive Auswirkungen weit über die Informatik hinaus

Schon aufgrund der ungleichen Ausgangsbedingungen kann die Plattform kein starres Netz sein. "Es ist ein Vorhaben, wo man miteinander redet und Ideen generiert, wie wir uns besser positionieren können, unsere Anliegen besser kommunizieren können, aber auch, wie wir uns abstimmen in Lehre und Forschung", so Gerhard Friedrich.

Der Informatik-Dekan der TU Graz, Franz Wotawa, ist überzeugt, dass eine verstärkte Zusammenarbeit der Informatikforschung in Österreich vor allem im Grundlagenforschungsbereich die Sichtbarkeit der Resultate steigern wird. "Informatik Austria muss es schaffen, die Bedeutung der Informatik und der Grundlagenforschung für den Standort Österreich zu vermitteln, um in weiterer Folge vermehrt Forschungsmittel zur Verfügung zu haben. Da die Informatik in anderen Disziplinen verstärkt genutzt wird, würde es auch hier positive Auswirkungen geben. Ich möchte aber unterstreichen, dass die Informatik als eigene Disziplin betrachtet werden muss. Wenn man Grundlagenforschungsresultate der Informatik an Anwendungsdisziplinen anhängt, wie es derzeit gemacht wird, kommt die Grundlangenforschung zu kurz und es existieren Mehrgleisigkeiten - das ist nicht die kosteneffizienteste Förderungsmöglichkeit."

Wolfgang Klas sagt dazu: "Das Forschungsgeschehen richtet sich an internationalen Entwicklungen aus -höchst kompetitiv. Die Forschungsergebnisse an den beteiligten Institutionen werden durch die Plattform nicht besser, aber sie werden vielleicht leichter wahrgenommen. Die Plattform kann beitragen, dass der Stellenwert von Forschung erhöht wird."

Was haben die Menschen von Spitzeninformatik?

Und was hat der akademisch ungebildete Durchschnittsmensch von der Plattform und den Zielen, die sie sich steckt? "Der nichtakademisch gebildete Durchschnittsösterreicher ist ein Wissenschafter oder Erfinder, dessen akademische Entwicklung bislang lediglich systemisch behindert wurde. Die Informatik Austria ist der verlängerte Zukunftsgestaltungsarm jeder Österreicherin und jedes Österreichers", meint Alois Ferscha.

Und Franz Wotawa: "Forschung hat auf längere Sicht immer auch große Auswirkungen auf die Gesellschaft und Wirtschaft eines Landes. Ohne Forschung werden keine neuen Produkte entstehen. Die Informatik ist ein Beispiel, wie aus reiner Theorie ein Wirtschaftsfaktor entsteht."

"Im IKT-Bereich, in Klagenfurt ein eigenes Studium, also Informatik plus technische Bereiche", sagt Gerhard Friedrich, "gibt es zu wenige Absolventen. Wir müssen mehr davon bekommen." Dazu müssse man darstellen, wie die Forschungsleistungen in neue Unternehmen oder Innovationen bei Unternehmen umgesetzt werden können.

"Es kommt eine Menge auf uns zu", meint Friedrich: "Robotics, Künstliche Intelligenz IKT ist aber nicht nur Jobkiller, sie ist auch Jobbringer! Wir müssen kommunizieren, dass es wichtig ist, in die Zukunft zu investieren. Wenn wir über die Forschung genügend hochqualifizierte Jobs schaffen können, profitieren davon alle."

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