Was am Ende bleibt

Dichterstreit

Erich Klein | aus HEUREKA 3/15 vom 01.07.2015

Dichtung, diese Unendlichsprechung vor lauter Vergeblichkeit und Umsonst. So wurde Dichtung, wenn sie überhaupt definierbar ist, einmal vor gut fünfzig Jahren definiert. Dazu passt der "Enzensberger-Koeffizient", demzufolge die Anzahl der Leser von Dichtung und Gedichten in keinem Land und in keiner Sprache mehr als zweihundertfünfzig betrage. Dichtung - ein Minderheitenprogramm? Mitnichten! Dass Dichter sich öffentlich streiten, kommt dabei nicht sehr oft vor, geschieht es dennoch, fällt der Disput umso drastischer aus.

So geschehen vor etwa zwanzig Jahren, als der österreichische Lyriker Franz Josef Czernin, Nachfahre eines eher experimentellen Schreibens mit deutlichen Bezügen zur Wiener Gruppe, zu einer großen Polemik gegen Durs Grünbein, den damaligen Rising Star neudeutscher Großdichtung, ansetzte. Czernin warf dem ostdeutsche Neoklassiker exzessiven Gebrauch hohler Genitivmetaphern vor, die nichts mehr als Klischees seien. Es fielen Ausdrücke wie "subkulturell geeichter Großstadtjugendlicher" und "der feinnervige Elegante, das antimetaphysische und postnietzscheanische Zünglein an der Nervenwaage". Durs Grünbeins gesalzene Replik ließ nicht auf sich warten: "Wenn ein Autor so etwas über einen anderen Autor sagt, kommt er entweder aus Österreich oder er hat ein Problem. In diesem seltenen Fall liegt wohl beides vor, und ich muß damit rechnen, dass es ernst gemeint ist." Es klang wie eine Laudatio!

Zwanzig Jahre und viele Preise auf beiden Seiten später -beide, Grünbein und Czernin sind mittlerweile Mitglieder der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" - ist noch immer alles ernst, wenn nicht noch viel ernster. Czernin, der enzyklopädische Literaturexperimentator mit Einflüssen von der Romantik über die Mystik und den Symbolismus bis zu diversen Avantgarden, hebt immer radikaler auf das große Ganze ab - mittlerweile schreibt er "zungenenglisch". Es handelt sich um eine "visionäre" Sprache, die Engel, England und noch viel mehr in einen rasenden Wirbel von Bedeutungen versetzt, und etwa so klingt: "blitz-zackt. anfänglich da, / allseits weiss-pur, schleudert-raum. //und heiss splitteratmen, schlageilig / geheimart, erd-dichte. dies verblies, // tief baum-innen uns. die spalt-äxte. / wirbel, säulenrauch. ob versteckst, // / wie fern königszaun, vogelort."

Kürzlich erhielt Franz Josef Czernin den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik, wozu wir gratulieren.

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