Haidingers Hort der Wissenschaft

Relativ ignorant

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

Martin Haidinger | aus HEUREKA 4/15 vom 14.10.2015

Hinterlassen Leistungen von Spitzenforschung und Hochkultur eigentlich Spuren in den Köpfen von Politikern? Ich meine geistige, nicht budgetäre.

Nein, ich reite nicht die x-te, fade Attacke auf die angebliche Minusintelligenz mancher Exponenten der Politkaste. Sondern mir hat vom Jahr 1916 geträumt. Da ist bekanntlich der langlebige Boss des Alten Österreichs verstorben, der greise Kaiser Franz Joseph.

Er hat relativ lange regiert, nämlich 68 Jahre. Es war eine Epoche der Umwälzungen auf allen Gebieten. So ist es gekommen, dass zwischen 1848 und 1916 unter Franz Joseph Kultur und Wissenschaft das Land Österreich und sogar die Welt veränderten.

Das blieb von ihm selbst, bis auf ein paarmal Winke-Winke-Machen in eine neumodische Filmkamera, weitgehend unbeachtet. Nicht einmal ein Auto mochte der Monarch besteigen.

Drei Exempel dieser Zeit aus Musik, Technik und Naturwissenschaft:

1.

1848 wird der Radetzkymarsch von Johann Strauß Vater uraufgeführt. 1916 wirken bereits die Komponisten der "Wiener Schule" Arnold Schönberg, Anton von Webern und Alban Berg in der Reichshaupt- und Residenzstadt.

2.

1848 ist die Daguerrotypie gerade einmal seit neun Jahren patentiert und die Abbildung lebender Personen wegen der langen Belichtungszeit noch eine ziemliche Prozedur. 1916 gibt es schon die ersten Experimente mit frühen Tonfilmen unter Kombination von Laufbildern mit Grammophonaufnahmen.

3.

1849 gelingt der österreichischen Marine zum ersten Mal das technische Kunststück, einen Ballon von einem Schiff aus zu starten, um das aufständische Venedig zu bombardieren. Das Vorhaben scheiterte allerdings am ungünstigen Wind. 1911 ist Albert Einstein Professor für Theoretische Physik an der Universität Prag und wird österreichischer Staatsbürger. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst die Spezielle Relativitätstheorie publiziert.

So verläuft die Ära Franz Joseph zwischen Radetzkymarsch und Atonalität, zwischen trudelnden Luftballons und der Elektrodynamik bewegter Körper.a

Der alte Kaiser blieb von alledem so ungerührt wie es der junge einst gewesen war. Ihn kümmerten nicht Teilchensondern Truppenbewegungen. War er nur relativ ignoranter als die heutige Politik, die weniger in die heimische Grundlagenforschung investiert, als eine saftige Hypo-Pleite kostet?

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