Zuviel Erleuchtung schadet uns

Wir werden auch nachts vom Licht überwältigt. Straßenbeleuchtung sorgt für immer mehr Lichtverschmutzung

Jochen Stadler | aus HEUREKA 4/15 vom 14.10.2015

Werden die Tage im Herbst immer kürzer, lassen wir das Licht in den Häusern umso länger brennen. Dabei übertreiben wir es zunehmend, sagt Thomas Posch vom Institut für Astrophysik der Universität Wien. Das verschwendet Energie, schadet der Gesundheit und der Tierwelt. Die Lichtverschmutzung treibt nun viele Astronomen in möglichst lichtarme Gegenden, vor allem in Wüsten und ins Weltall.

"Etwa acht Prozent der weltweit verbrauchten Energie gehen in die künstliche Beleuchtung", so Posch.

Davon könnte man drei Viertel einsparen, denn das meiste Licht leuchte bloß nutzlos ins Weltall. Viele Lampen bleiben zu lange eingeschaltet, obwohl sie niemand braucht, oder sie sind schlichtweg zu hell. "Man schätzt, dass in der global verschwendeten Lichtenergie 750 Millionen Tonnen des Treibhausgases CO2 stecken", erklärt Thomas Posch.

Die öffentliche Hand verschwendet

Nicht Privatpersonen oder Firmen seien die großen Verschwender, sondern die öffentliche Hand. "Seit man die Straßen vor 300 Jahren mit Gasbeleuchtung erhellte, glaubt man, dass mehr Licht die Menschen nur noch glücklicher machen kann." Von einer Leuchtmittelgeneration zur nächsten - aktuell ist LED der letzte Schrei -würde man nicht den Verbrauch senken, sondern jubeln, dass man mit der gleichen Energiemenge alles noch heller machen kann.

"Licht ist einer der wenigen Fälle, wo man politisch etwas schnell umsetzen kann, das gut sichtbar ist und scheinbar den Wähler nur erfreuen kann", sagt Posch. Dass es hier Grenzen gäbe, sei in der Politik noch nicht angekommen.

Im privaten Haushalt wäre es hingegen selbstverständlich, das Licht abzuschalten, wenn es nicht gebraucht wird. "Sogar die großen Supermarkt-Betreiber drehen etwa die Parkplatzbeleuchtung außerhalb der Geschäftszeiten ab."

Blaulicht macht uns fertig

Alles zu erleuchten bringt auch keinen Sicherheitseffekt. "Im Gegenteil, manchmal ist der Vandalismus häufiger, wo das Licht die ganze Nacht brennt." So würden zum Beispiel Graffiti eher dort hinterlassen, wo Sprayer etwas sehen, ohne auffällig mit einer Taschenlampe hantieren zu müssen.

Seit einiger Zeit sind auch die Schäden für Mensch und Tier gut dokumentiert. Vor allem Licht mit einem hohen Blauanteil wie bei Bildschirmen verhindert etwa die Ausschüttung des Ruhehormons Melatonin. Man kann zwar meist trotzdem schlafen, wacht aber morgens wie gerädert auf, riskiert Fettleibigkeit, hormonabhängige Krebserkrankungen wie Brustoder Prostatageschwüre und schwächt das Immunsystem.

"Man hat auch herausgefunden, dass jedes Jahr 20 Milliarden Insekten an Straßenlaternen umkommen und die Zugvögel durch die künstliche Beleuchtung Orientierungsprobleme bekommen", sagte Posch.

Flucht in die Wüste

Ständig auf der Flucht vor dem Licht sind die Astronomen, denn der Lichtsmog ist heller als die Strahlen der weit entfernten Himmelskörper.

"Wir können schon lange unsere Arbeiten nicht mehr in besiedelten Gebieten durchführen und müssen mittlerweile in die Antarktis und große Wüsten ausweichen", so der Astrophysiker. Doch auch hier gäbe es zunehmend Schwierigkeiten. Darum erkunden mittlerweile einige Weltraumteleskope außerhalb der lichtgetränkten Erdatmosphäre die fernen Himmelskörper.

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