Höhlenforschung

Drohnen in Platos Höhle

Alte Höhlenpläne entpuppen sich als neu zu entdeckende Elemente der Kulturgeschichte - und Drohnen bringen das Licht

Sonja Burger | aus HEUREKA 4/15 vom 14.10.2015

Der Geisterschacht in der Lurgrotte erzählt eine tragische Geschichte: Dort kam 1926 eine Pionierin der heimischen Höhlenforschung, Leopoldine "Poldi" Fuhrich, ums Leben. Begleitet wurde sie vom Höhlenforscher Hermann Bock.

Dessen Höhlenpläne, etwa von der Lurgrotte oder der Mammuthöhle, zählen für den Geologen Lukas Plan von der Karst-und Höhlen-Arbeitsgruppe im Naturhistorischen Museum Wien "zu den besten dieser Zeit".

Historische Höhlenkarten liefern heutigen Höhlenforschern aber lediglich Anhaltspunkte, denn Realität und Fiktion überschneiden sich darin oft. Aus historischer Perspektive sind jedoch gerade diese Überschneidungen spannend.

Im Finsteren: Höhlenfantasien

Jene Höhlenbereiche, in die kein Licht fällt und in denen Höhlenforscher nichts mehr sahen, beflügelten ihre Fantasie, auch beim Zeichnen der Pläne. Wie deuteten sie das "Unsichtbare"? Was wollten sie vermitteln?

In seinem soeben erschienenen Buch "Reisen ins Unterirdische. Eine Kulturgeschichte der Höhlenforschung in Österreich bis in die Zwischenkriegszeit" befasst sich der Historiker und Höhlenforscher Johannes Mattes mit historischen Höhlenplänen.

Alte Pläne aus aller Welt verraten viel über ihren Entstehungskontext. Hierarchien, Diskurse, Geschlechterverhältnisse, Interessen oder Technik - all das fließt in den Akt des Entdeckens und Zeichnens ein.

Höhlenforschung war bis ins 20. Jahrhundert eine streng hierarchisierte Männerdomäne. "Nur der Expeditionsleiter durfte Pläne zeichnen. Ihm stand auch die Exklusivität des "ersten Blicks" zu. Bereits vor der Expedition wurde festgelegt, wer wie tief in die Höhle vordringen darf", erklärt Johannes Mattes.

Diese Hierarchien beim Vordringen in die als "weiblich" konnotierte Höhle flachten erst mit dem Aufkommen der "Einseiltechnik" in den 1970-ern ab. Die Expeditionstrupps schrumpften in der Folge von mehreren Dutzend auf eine Handvoll Teilnehmer.

Drohnen gegen blinde Flecken

Irgendwann kommen Höhlenforscher in Bereiche, die nicht mehr sichtbar sind.

Mattes machte verschiedene Strategien aus, wie diese Bereiche in historischen Plänen abgebildet wurden: Entweder nutzten die Zeichner ihre Fantasie, "oder sie beschrieben diese Winkel besonders detailliert, um zu verschleiern, dass sie nicht weiter kamen". Unwissenheit wurde weder zugegeben, noch in den Höhlenplänen dargestellt.

Erst Ende der 1920er-Jahre finden sich erste Belege, dass uneinsehbare Bereiche in Höhlenplänen mit einem "Fragezeichen" gekennzeichnet wurden.

Das ging Hand in Hand mit der Verwissenschaftlichung der Höhlenkunde. Im Jahr 1929 wurde der weltweit erste Lehrstuhl für Höhlenkunde an der Universität Wien geschaffen. Auch wurden die Techniken besser, mit denen das eben noch Unsichtbare sichtbar gemacht werden konnte.

Doch trotz der Verwissenschaftlichung fällt es manchen offenbar noch immer schwer zuzugeben, dass sie einen Bereich nicht genau erfassen konnten, meint Lukas Plan. "Dann zeichnen sie lieber ein, dass die Höhle endet, als ein Fragezeichen zu setzen."

Dem soll die Automatisierung der Erstellung von Höhlenplänen vorbeugen - auch wenn die menschliche Beobachtung vor Ort unerlässlich bleibt. Doch Drohnen in den Höhlen könnten auch bisher unsichtbare Bereiche ins Licht rücken.

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