Was hat es uns gebracht?

Das fragten Vertreter von Jäger- und Sammlerkulturen ihre Erforscher bei einer Konferenz in Wien

Gertraud Illmeier | aus HEUREKA 4/15 vom 14.10.2015

Eigentlich mag Khaled Hakami den Regenwald nicht besonders. "Man ist ständig nass und sinkt irgendwo ein, vor allem in der Regenzeit. Es ist sehr anstrengend. In Wahrheit ist man zu 75 Prozent mit Überleben beschäftigt und nur zu 25 Prozent mit der Forschung."

Hakami vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien kennt die Härten der Feldforschung. 2005 begleitete er Helmut Lukas von der Akademie der Wissenschaften erstmals nach Südthailand, wo dieser seit den 1990ern zum Jäger- und Sammlervolk der Maniq forscht.

Die Maniq leben ausschließlich vom Sammeln und Jagen im Regenwald. Alle paar Wochen wechseln sie ihre Lager. Die aus großen Blättern errichteten Windschirme sind in wenigen Stunden geflochten und aufgebaut. Sofern man Jäger und Sammler und kein urbaner Akademiker ist: "Du brauchst für alles viel länger. Vieles gelingt einfach nicht. Dann lachen sie und du bist der Kasperl. Aber das ist auch ein Mittel, um angenommen zu werden."

Trotz der Belastung empfindet Hakami es als Privileg, die Lebensweise dieses nomadischen Volkes erforschen zu können. Hochmobile und egalitäre Gruppen wie die Maniq gebe es weltweit nur mehr fünf bis zehn, schätzt er.

Die Bandbreite dieser selten gewordenen Lebens-und Wirtschaftsweise entfaltete sich an der Uni Wien bei der 11. Konferenz zu Jäger- und Sammlergesellschaften. Neben Themen wie Mobilität, Kultur des Teilens und egalitäre Gesellschaftsstruktur wurden vor allem die Umwälzungen im Zuge von Globalisierung und fortschreitender Umweltzerstörung diskutiert.

"Die Anthropologie kann die Veränderungen dokumentieren. Was können wir sonst noch tun?", fragten betroffene Wissenschafter. Das Recht auf Land und die Kontrolle der Ressourcen seien von zentraler Bedeutung für das Überleben indigener Gesellschaften, wurde betont.

Vor 50 Jahren wurde mit der Konferenz "Man the Hunter" der Grundstein für die moderne Jäger- und Sammlerforschung gelegt. Im Vorjahr konsolidierte sich die Forschergemeinschaft und gründete die Internationale Gesellschaft zur Jäger- und Sammlerforschung (ISHGR), die künftig von Wien aus von Sekretär Khaled Hakami verwaltet wird.

Auch einige Vertreter (ehemaliger) Jägerund Sammlervölker wie jene der Kalahari San, die zu den am besten erforschten Gruppen zählen, aber heute mit wenigen Ausnahmen sesshaft und in Armut leben, nahmen an der Konferenz teil. Sie fragten ihre (Er-)Forscher: "Was hat es uns gebracht? Hat es unsere Situation verbessert?"

Die Antwort blieb offen, aber die Botschaft ist längst angekommen. Die ISHGR will nicht nur den Erkenntnisgewinn über diese Völker fördern, sondern sich auch für sie einsetzen. Darüber hinaus, so das Resümee der Wiener Konferenz, müssten die Indigenen selbst und ihr Wissen viel stärker in den wissenschaftlichen Forschungsprozess einbezogen werden. Sollte die Anthropologie je ein Fall für den Elfenbeinturm gewesen sein - die moderne Jägerund Sammlerforschung ist es glücklicherweise nicht.

Peter Schweitzer, stellvertretender Vorstand des Instituts für Kultur-und Sozialanthropologie der Universität Wien, hat zur 11. Internationalen Konferenz zu Jäger-und Sammlergesellschaften nach Wien eingeladen. Rund 400 Wissenschafter waren seinem Ruf gefolgt. Wir sprachen mit ihm.

Falter Heureka: Wer oder was sind Jäger und Sammler?

Peter Schweitzer: Das haben wir bewusst nicht definiert. Wenn man das zu eng definiert, muss man viele Gruppen streichen. Man kann Jagen und Sammeln besser verstehen, wenn man Überlappungen mitnimmt und sich Jäger und Sammler anschaut, die eine bestimmte Form von Gartenbau betreiben oder Rentierhaltung wie im hohen Norden. Alle strikten Definitionen sind kontraproduktiv.

Über das baldige Aussterben der Forschungsobjekte wird lamentiert, seit es die Anthropologie gibt. Wie steht es heute um die Jäger und Sammler?

Schweitzer: Es ist eine Tatsache, dass der prozentuelle Anteil von Jägern und Sammlern an der Weltbevölkerung seit 10.000 Jahren (Anm. seitdem mit der "neolithischen Revolution" die Menschen begannen, sesshafte Ackerbauern zu werden) schrumpft. Das hat sich im 21. Jahrhundert nicht geändert. Aber es gibt auch neue Formen und Menschen, die ihr Jäger-Sammler-Erbe wieder entdecken. Es ist nicht nur ein Bestand, der bewahrt werden muss.

Welche Bedeutung hat die Jägerund Sammlerforschung?

Schweitzer: Neben der Anthropologie beschäftigt sich die Archäologie und Ur-und Frühgeschichte mit dem Fach. Wer einen evolutionären Ansatz hat, den interessiert dieser tiefe Zeithorizont ebenfalls. Es geht um die Entwicklungsgeschichte der Menschheit und da spielen Jäger und Sammlergesellschaften als die erste Form des Wirtschaftens und Zusammenlebens der Menschheit eine ganz wichtige Rolle.

Welche großen Fragen beschäftigt die Jäger- und Sammlerforschung?

Schweitzer: Die Frage nach der Natur des Menschen ist eine ewige Frage. Sie ist vielleicht aus der Mode gekommen in den letzten Jahren, weil man die großen Fragen dekonstruiert hat. Das hat zu einer gewissen Verarmung der Sozial-und Kulturwissenschaften geführt, weil man sich weigerte, dazu Stellung zu nehmen.

Hat die Konferenz neue Einsichten gebracht?

Schweitzer: Wir sind wieder mehr auf dem Weg ins Zentrum der Sozialwissenschaften. Die Jäger- und Sammlerforschung war die letzten zwanzig Jahre nicht sehr dominant. Postmoderne Interventionen und dekonstruktivistische Ansätze haben dabei eine Rolle gespielt. Wir hatten thematisch, regional und theoretisch ein breites Spektrum von Personen auf der Konferenz und nicht nur einen kleinen Kreis von Spezialisten. Das zeigt, dass es notwendig ist, das Thema wieder mehr ins Zentrum von anthropologischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu stellen.

Was bedeutet das für das Fach?

Schweitzer: Zu glauben, dass nur mehr Fragen der Industriegesellschaft relevant sind und wir uns den großen Menschengruppen zuwenden müssen, ist eine sehr ethnound eurozentrische Annahme. So zu tun, als wären alle so wie wir, ist keine Lösung. Insofern ist die theoretische und empirische Hinwendung zu Lebensformen, die radikal anders sind, eine wichtige, solange sie nicht romantisierend ist im Sinne des ,edlen Wilden'.

Können wir denn eigentlich etwas von Jägern und Sammlern für unser eigenes Leben lernen?

Schweitzer: Unser Interesse an anderen Gesellschaften ist immer gelenkt von den eigenen Interessen. Insofern ist das Unbehagen über die Mensch-Umwelt-Beziehungen ein wichtiger Stimulus. Es spricht nichts dagegen, dass man sich andere Modelle anschaut. Aber man kann sie nicht eins zu eins in einen anderen Kontext transportieren.

Welche Rolle spielt Wien?

Schweitzer: Wien ist von vielen Jäger-Sammlergesellschaften weit weg, aber wir können zu einer Schnittstelle der Forschung werden. Auch für die Integration von Aktivisten, unabhängig, ob indigene oder NGO-Vertreter, eignet sich Wien. Zu einer Konferenz nach Australien reisen jene, die sich genau mit diesem Gebiet beschäftigen. Aber Wien kann Umschlagplatz für verschiedene Präsentationen sein, weil es inhaltlich nicht besetzt ist.

www.ishgr.org

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