Die Grundlage allen Denkens

Der US-amerikanische Wissenschafter Douglas Hofstadter möchte uns die Bedeutung der Analogie für Mensch und Tier nahebringen

Jochen Stadler | aus HEUREKA 4/15 vom 14.10.2015

Eine Hummel fliegt über eine Wiese. Plötzlich fesselt etwas ihre Aufmerksamkeit: der Nektar einer Blüte. Auf der Wiese steht auch Albert Einstein. Er denkt über die spezielle Relativität nach. Was Hummel und Einstein noch verbindet ist die Art, wie sie zu ihren Erkenntnissen kommen. "Jeder Gedanke beruht auf dem Herstellen von Analogien", erklärt der US-amerikanische Wissenschafter Douglas Hofstadter.

Der Physiker, Informatiker und Kognitionsforscher arbeitet an der Indiana University (USA). Er hat unter anderem die erste fraktale Struktur in der Physik entdeckt, den sogenannten "Hofstadter-Schmetterling". Einer großen Öffentlichkeit wurde er durch sein 1979 erschienenes Buch "Gödel, Escher, Bach: ein Endloses Geflochtenes Band" bekannt. In seiner Forschung befasste er sich zunächst vor allem mit künstlicher Intelligenz. Gegenwärtig erkundet er die Grundlagen des menschlichen und tierischen Denkens und Lernens. Dazu hielt er einen Vortrag an der Fakultät für Informatik der Uni Wien, nach dem dieses Gespräch stattfand.

Herz - Denken

"In der Wissenschaft und der Öffentlichkeit ist dieses Denken in Analogien aber kaum bekannt und nicht entsprechend berücksichtigt", meint Hofstadter. Um dies zu ändern, hat er mit seinem Kollegen Emmanuel Sander das Buch "Die Analogie: Das Herz des Denkens" geschrieben. "Dabei machten wir allerdings einen taktischen Fehler!" Sie begannen ihr Werk nämlich mit den einfachsten Analogien und spannten dann den Bogen zu den beeindruckendsten Beispielen wie etwa Einsteins Erkenntnisse.

"Die Menschen glauben leider offensichtlich alle, dass bei einem Buch das Wichtigste zum Schluss kommt. Wenn sie mit unserem Buch fertig sind, verknüpfen sie Analogien nur mit Erkenntnissen eines Genies, aber nicht mit ihrem täglichen Leben. Doch jedes Mal, wenn wir etwa einen Tisch oder andere Menschen erkennen, und bei jedem Wort, das wir wählen, rufen wir dabei Analogien auf. Leider erklären wir das in unserem Buch schon im ersten Kapitel. Das haben die Leser wohl als nette Einleitung, jedoch nicht als die wichtigste Botschaft des Buches verstanden."

Wann ist was ein Berg?

Analogien kommen in einem kontinuierlichen Spektrum vor. Vergleichbar einer Landschaft, in der es sehr hohe, mittelgroße und kleinere Berge, Hügel, Mugl und kleine Erhebungen im Straßenbelag gibt. "Wenn Berge an Größe verlieren, hört man irgendwann auf, von Bergen zu sprechen. Leider ist das auch so bei Analogien." Eine kleine Bodenwelle auf der Bundesstraße sei zwar nicht so beeindruckend wie der Mount Everest, aber das gleiche Phänomen. "Bei Analogien interessieren mich besonders die unscheinbaren."

An kleinen Versprechern etwa lässt sich bemerken, dass unser Reden auf Analogien gründet. "Mit meinen Kindern war ich in einer Pizzeria. Wir schafften es nicht, alles aufzuessen und ließen die Überbleibsel einpacken. Ich hatte mein Fahrrad dabei und sagte zu den Kindern, ich würde die Kartons in den Kofferraum legen. Natürlich hat mein Fahrrad keinen Kofferraum, sondern einen Korb über dem Hinterrad - rechteckig und hinter dem Fahrer wie der Kofferraum eines Autos. Aus irgendeinem Grund sprach ich statt von Korb von Kofferraum." Der Fehler verweise auf den Prozess des Analogie-Machens im Hintergrund.

Analogien seien so grundlegend, dass sie sogar bei Tieren im Spiel sind. "Ich denke, dass Insekten ein angeborenes System an Kategorien haben. Es erweitert sich bei ihnen nicht. Doch Säugetiere erweitern dieses System und sorgen so für mehr Differenzierung." So erkenne sein Hund einen Ball, was sicher nicht angeboren ist.

"Wenn ich seinen Ball wegschlage, läuft er und bringt ihn mir zurück." Dazu habe der Hund das Wort "Ball" gelernt. Dennoch fällt die Kategorie "Ball" beim Hund nicht ganz mit jener seines Herrchens zusammen. "Für ihn ist ein Ball nicht zwingend etwas Rundes, sondern ein Ding, das ihm gehört, das am Boden liegt, mit dem er spielen darf und zu dem ich manchmal etwa auch Gummiknochen sagen würde."

Der Hund mache seine Sache nicht falsch. Seine Analogien beschränken sich auf für ihn relevanteren Kriterien.

Mehr Analogien in der Lehre

Douglas Hofstadter meint, es würde nicht schaden, wenn man an Schulen und Universitäten mehr auf Analogien setze. "Ich habe bei meinen Physikvorträgen immer zu Anfang eine Analogie gebracht und erklärt: Wenn man diese begreift, hat man 90 Prozent der Vorlesung verstanden." Viele Lehrende würden Analogien bloß einstreuen und als nebensächliche Scherze betrachten. Dabei seien sie oft das Wichtigste eines Vortrags.

"Einerseits halten wir Analogien für großartig, weil daraus tolle Einsichten kommen. Andererseits schätzen wir sie gering und befinden sie für kindisch." Dies will Hofstadter ändern: "Wenn nötig mit einem weiteren Buch, in dem wir es diesmal besser machen."

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