Müssen wir Sklaven halten?

Heute leben mehr Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen als je zuvor

WERNER STURMBERGER | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Der westliche Kapitalismus hat Sklaverei nicht abgeschafft. Auch wenn seine Ideologen ihn mit dem Freiheits-Halo der angloamerikanischen Abolition umkränzen", schreibt der Historiker Michael Zeuske im "Handbuch Geschichte der Sklaverei". Einst beruhte diese Wirtschaftsordnung auf dem "Kapitalismus menschlicher Körper, der durch die Ideologien des ,freien Marktes' seit Ende des 18. Jahrhunderts marginalisiert wurde".

England, Ausgangspunkt der Industrialisierung, war die größte Sklavereiwirtschaft der Welt. Heute, im Zeitalter von Corporate Social Responsibility, drängt der globale Kapitalismus auf eine Rückkehr zu seinen Entstehungsbedingungen. DievollkommeneKapitalisierungmenschlicher Körper ist wieder auf dem Vormarsch: Die Internationale Arbeitsorganisation der UN (ILO) spricht von 21 Millionen betroffenen Personen, die NGO Global Slavery Index von 35,8.

Moderne Sklaverei ist sehr profitabel

"Der sich ausbreitende westliche Industrie-Kapitalismus hat die ganz offene und nackte Wirtschaftssklaverei in Kolonialund Ressourcenterritorien (im gesamten Kolonialbereich zwischen 1880 und 1960) sowie in sogenannte ,Schwellenländer' abgedrängt", schreibt Zeuske. In jenen Regionen findet man auch heute die meisten sklavereiähnlichen Verhältnisse: im Asien-Pazifik-Raum sind es laut ILO-Bericht zwölf Millionen, in Afrika rund 3,8 und in Lateinamerika 1,7 Millionen Menschen. Den höchsten Anteil von Zwangsarbeitenden an der Gesamtbevölkerung haben Nicht-EU-Mitgliedsstaaten Südosteuropas, GUS-Staaten und Afrika - rund vier von 1000 Menschen sind dort betroffen.

Die Erlöse der globalen Sklaverei beziffert die ILO mit 150 Milliarden US-Dollar. Mehr als ein Drittel wird im asiatisch-pazifischen Raum erwirtschaftet. In der EU und in entwickelten Ländern ist es knapp weniger als ein Drittel. Hier ist die Zahl der Zwangsarbeitenden zwar gering, ihr Einsatz aufgrund des allgemein hohen Lohnniveaus aber enorm profitabel. Als lukrativster Geschäftszweig (99 Milliarden US-Dollar) gilt Prostitution. 51 Milliarden US-Dollar entfallen auf Baugewerbe, Minenarbeit, Güterproduktion, Landwirtschaft und Hausarbeit.

Die Opfer der neuen Sklaverei

Betroffen sind jene, die sich selbst nicht schützen können, darunter viele Kinder. Als weitere Risikofaktoren gelten Armut, niedrige Bildung (Analphabetismus) und Migration. Häufig begründet diese eine Schuldknechtschaft, um Kosten für Schlepper oder "Rekrutierungsgebühren" zu begleichen. Mehr als die Hälfte der Opfer erzwungener Arbeit sind Frauen - sie werden vor allem zu Prostitution und Hausarbeit herangezogen.

Besonders hoch ist das Risiko in Krisenregionen, in Ländern mit eingeschränkter Staatlichkeit und demokratischer Kontrolle sowie in Gebieten mit traditioneller Sklaverei. Vielfach wurde diese zwar verboten, aber nicht abgeschafft. Sie hat sich angepasst und mit moderner Technologie und Infrastruktur verbunden. So entstanden neue "Sklavenproduktionsgebiete" und "Sklavenrouten". Regionen alter Schuldsklaverei werden zum Hinterland globaler Produktion und Nachfrage. Der Kern der Sklaverei ist unverändert: Das Erzwingen von Arbeit durch Gewalt. Ihre Erscheinungsform und Bezeichnung sind vielfältig und variieren regional.

Die Sklaverei einst und heute

Der Soziologe Kevin Bales beschreibt in "Die neue Sklaverei" historische und aktuelle Formen. Einst waren Besitzrechte juristisch abgesichert. Das wird heute vermieden, da Besitz von Sklaven mit einem Mindestmaß an Verantwortung einherging. Gibt es Arbeitsverträge, dienen sie oft nur zur Verschleierung von Zwangsarbeit oder als Lock-und Druckmittel (Opfern von Zwangsarbeit droht in vielen EU-Staaten die Abschiebung).

Ethnische Unterschiede haben an Bedeutung verloren. Die neue Sklaverei ist zeitlich befristet -in der Landwirtschaft häufig saisonal. Für Kinder, die etwa in der Karibik und Westafrika als Dienstboten gehalten werden, endet sie meist im Erwachsenenalter. Auch Arbeitsunfähigkeit, Krankheit oder fortschreitendes Alter können ein Sklavendasein beenden. Sklaven waren einst teuer, ihre Rentabilität aber gering. Heute ist ihr Einsatz enorm lukrativ, wie Bales anhand thailändischer Zwangsprostituierter zeigt: "Ein zwölf-bis fünfzehnjähriges Mädchen ist für 800 bis 2000 US-Dollar zu haben. Die Kosten für das Betreiben eines Bordells und den Unterhalt für die Mädchen sind relativ gering. Der Gewinn beträgt oft bis zu 800 Prozent jährlich." Waren Sklaven einst ein wertvolles Gut, sind sie nunmehr Wegwerfartikel.

Wir Profiteure der Sklaverei

Auf der Internetseite der NGO Slavery Footprint lässt sich errechnen, wie viele Zwangsarbeitende für unseren persönlichen Konsum schuften. Ihr Arbeitsanteil steckt in Produkten wie T-Shirts, Shrimps und Smartphones. Unternehmen behaupten häufig, Intransparenz in der Lieferkette erschwere es, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen völlig auszuschließen. Dass es möglich ist, beweisen NGOs wie Fairtrade oder Fairwear Foundation.

Der Umfang des Handelsvolumens von fair produzierten Produkten zeigt jedoch, dass die Möglichkeit, Veränderung über Konsumentscheidungen anzustoßen, begrenzt ist. Es braucht verbindliche gesetzliche Regelungen (etwa die Nachweispflicht einer "sauberen" Lieferkette), um ein Ende der Sklaverei einzuläuten und weltweit menschenwürdige Arbeitsbedingungen sicherzustellen.

Eine faire Entlohnung ist dabei aber nur ein erster Schritt. Der Auftrag müsse lauten, Lebensformen, die Menschen nicht freiwillig gewählt haben, zu überwinden, meint der Soziologie Hanns Wienold. Mit Bezug auf Marx schreibt er: "Klar war er darin, dass eine Welt nicht gerecht sein kann, in der einige ihr Leben lang Kaffee, zu welchem Preis auch immer, für andere produzieren."

Infos: www.ilo.org/global/about-the-ilo/multimedia/video/video-interviews/WCMS_243343/ lang--en/index.htm

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