Freistetters Freibrief

Einstein

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Vor 100 Jahren veröffentlichte Albert Einstein seine Allgemeine Relativitätstheorie und stellte damit zehn Jahre nach der Publikation seiner Speziellen Relativitätstheorie einmal mehr die Welt der Wissenschaft und ihre Weltbilder auf den Kopf. Einstein war unbestreitbar ein Visionär und ein kreativer Denker, der sich wenig darum kümmerte, was andere von ihm hielten. Er war bereit, die Dinge auf eine Art zu betrachten, wie sie noch nie zuvor betrachtet worden waren, und er fand Wissen, wo andere nichts gefunden hatten. Dank seiner Bereitschaft, offen für alles Neue zu sein und dorthin zu gehen, wohin ihn seine unkonventionellen Gedanken brachten, hat er die Wissenschaft wie kein anderer vorangetrieben.

Die Forschung braucht Visionäre und Vordenker wie Einstein. Sie braucht Menschen, die bereit sind, unkonventionelle Gedanken und Ideen zu verfolgen. Aber nicht nur! Wissenschaft muss immer eine Mischung aus Vision und Zurückhaltung sein. Man muss offen für Neues sein, aber gleichzeitig konservativ. Lässt man sich von jeder neuen Idee, von jeder Spekulation und von jeder spektakulären Hypothese vorbehaltlos begeistern und gedanklich einfangen, dann verlässt man den Boden der objektiven Wissenschaft und gibt sich ganz den eigenen subjektiven Wünschen und Vorstellungen hin. Faszinierende Hypothesen zur Erklärung unverständlicher Daten können unter Umständen tatsächlich zu revolutionären Erkenntnissen führen. Aber vor allen Spekulationen sollte immer der Versuch stehen, Beobachtungen im Rahmen des bestehenden Wissens zu erklären.

Nur wer ausreichend konservativ ist, vermeidet die Gefahr, sich in Hirngespinsten zu verrennen. Und nur wer ausreichend offen ist, vermag wirklich neues Wissen zu entdecken. In der Wissenschaft sind beide Eigenschaften wichtig. Dieser grundlegende Konflikt sollte sich auch in der Forschungs-und Förderpolitik widerspiegeln. Es dürfen nicht nur Projekte gefördert werden, die sich mit spektakulären Hypothesen beschäftigen. Aber auch nicht nur jene, die einen so konservativen Ansatz verfolgen, dass das Ergebnis mehr oder weniger vorher feststeht. Wissenschafter brauchen die Freiheit, wirklich Neues zu entdecken.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple

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