Höllenmoos und Teufelssprit

Innovation bedeutet auch Altes zu überwinden. Doch dass das Neue besser wäre, ist auch nicht sicher

JOCHEN STADLER | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Innovation schafft auch Verlierer. Und der Ausgang einer Entwicklung ist oft ungewiss. "Den Ersten sien Doad, den Tweten sien Not, den Dridden sien Brod"- dieser alte Spruch macht klar, dass Neuheiten nicht immer gleich Vorteile bringen. Es gibt ihn in vielen Varianten und Dialekten von Siedlern, die neues Land urbar machten.

Darunter etwa jene einfachen Knechte und Mägde, die mit dem Traum von einem eigenen, fruchtbaren Stück Land im 18. Jahrhundert in trockengelegte Donau-Moorgebiete zogen.

Martin Schmid vom in Wien ansässigen Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt hat etwa untersucht, unter welchen Bedingungen sie im bayerischen "Donaumoos" zurechtkommen mussten. "Die erste Generation lebte unter schrecklichen Bedingungen, musste harte Arbeit verrichten und hatte kaum Nahrung", erklärt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, die am selben Institut forscht.

In einem solchen Ökosystem konnte man sich alle möglichen Krankheiten holen. Vor allem aber kommt die Bodenbildung nur sehr langsam in Gang, wenn man ein Moor trockenlegt. Obwohl die erste Generation viel Mühe in Drainagen steckte, bekam sie kaum etwas von der Natur zurück. Erst viel später wurden die Moornährstoffe durch Mineralisierung und Oxidation für Ackerpflanzen verfügbar. Damit hatte endlich die Enkelgeneration der ersten Siedler ein einigermaßen gutes Auskommen.

"Trotzdem ist dies eine von der Natur geborgte, fragile Landschaft. So waren etwa bei einem Donauhochwasser wie im Jahr 2013 so tief liegende Gebiete wie das Donaumoos fast komplett mit Wasser gefüllt", sagt Winiwarter.

Auch aktuell gibt es Beispiele, dass Innovationen zunächst oft Verlierer schaffen. Biosprit der ersten Generation wird aus Pflanzenprodukten hergestellt, die man essen oder als Tiernahrung verwenden kann, etwa Weizen-und Maiskörner, Zuckerrohr und Raps. Als seine Produktion erstmals in Schwung kam, verteuerten sich etwa in Mexiko die Lebensmittel. Es kam zu Massendemonstrationen und der "Tortilla-Krise".

Biotreibstoffe der zweiten und dritten Generation, für die schon Ernte-und Forstwirtschaftsabfälle beziehungsweise Algen als Rohstoffe verwendet wurden, könnten diese "Tank-Teller-Konkurrenz" abschwächen. Doch ob sie die weltweiten Treibhaus-gasemissionen so stark verringern, wie oft angenommen, bezweifelt Helmut Haberl vom Institut für Soziale Ökologie. Theoretisch verbrennt man damit nur Kohlenstoff, den die Pflanzen zuvor aus der Atmosphäre abgezogen haben. Doch kostet der Anbau Energie und verursacht somit Emissionen. Dazu kommen jene aus den Landnutzungsänderungen.

"Man vergisst gerne, dass auch der Biobauer den Pflug nicht selber zieht, sondern mit dem Traktor fährt", sagt Haberl. Die aktuellen Modelle zum Kohlenstoffkreislauf seien mit so großer Unsicherheit behaftet, dass man womöglich in zehn bis 15 Jahren erkennen werde, dass man das Ziel eigentlich nicht erreicht hat, meint er.

Kürzlich habe er mit Kollegen in einer Studie die Kohlenstoffbilanz für Österreich berechnet und die Werte, die das global verwendete Modell dazu ausspuckt, verglichen. Diese waren nicht nur größenordnungsmäßig, sondern auch vom Vorzeichen falsch.

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