Das Blaue vom Himmel

Wissenschaft , die zur Grundlage von Innovation werden soll, braucht Risikobereitschaft , Mut und Freiheit

VERENA AHNE | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, die Wissenschaft an unseren Universitäten und anderen Institutionen wäre frei. Forschung wäre nicht an (zu) kurze Projektlaufzeiten gebunden und an die stete Notwendigkeit, Drittmittel herbeizuschaffen. Nicht an die Interessen von Geldgebenden oder Vorgesetzten. Und sie wäre nicht den oftmals beharrenden Kräften der Scientific Community ausgeliefert. Stellen wir uns vor, Bürokratiesümpfe wären trockengelegt. Und -hier wird es besonders kühn - es gälte als selbstverständlich, dass mancher der wissenschaftlich verfolgten Pfade in einer Sackgasse mündet. Nicht als verschämt zu versteckender Fehlschlag, sondern als Ergebnis einer gewissenhaften Bemühung -von ebenso großem Erkenntniswert wie jeder Erfolg.

Freiheit bringt kühnere neue Ideen

Wäre die Wissenschaft frei - welchen Fragestellungen widmeten sich wohl Universitätsangehörige aller Ränge, ihre PostDocs und Studierenden mit ganzem Herzen? Die These lautet: Es wären kühnere, interessantere, neuere Ideen dabei als jene, die derzeit bebrütet werden.

Davon ist etwa Donald Braben vom University College in London überzeugt. Der Physiker tritt seit vielen Jahren vehement für Freiheit in der Forschung und Risikobereitschaft bei ihrer Förderung ein. Im Englischen gibt es ein schönes Wort dafür: Blue Sky Research - das Blaue vom Himmel forschen lassen, ohne Zurufe von außen, ohne intellektuelle Beschränkungen und ohne mitzuliefernde Wirtschaftlichkeitsanalysen. Im Deutschen verwenden wir dafür das gähnend langweilige Wort "Grundlagenforschung".

Von Neugier getrieben und erst einmal "zweckfrei" wurden etwa die Grundlagen für Antibiotika, Internet, Laser oder Mobilfunk entdeckt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Freiheit im Denken steht am Anfang jeder Innovation: einer Umwälzung, nicht der graduellen Verbesserung von bereits Bestehendem, als die Innovation hierzulande oft missverstanden wird.

Doch diese für die Menschheit so bedeutende Form der Wissenschaft gerät zunehmend unter die Räder. "Die wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts hätten unter den derzeitigen Bedingungen keine Chance auf Förderung", warnt Braben.

Unterbindet Wettbewerb kreative Forschung?

Ulrike Felt, Dekanin der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien, sieht nur noch wenig Raum zum Denken von Neuem und Querliegendem. "Wir haben ein sehr enges Kontrollsystem eingeführt, immer entlang von Projekten, die nur drei, sehr selten fünf Jahre dauern. Alles, was ich wissen möchte, soll in drei Jahren 'wissenbar' sein. Das führt dazu, dass ganz andere Fragen gestellt werden, nur um auf Nummer sicher zu gehen." Nummer sicher, rechtzeitig fertig zu werden. Nummer sicher auch bei der Themenwahl: Wer zu weit ausschert, zu kühn formuliert, läuft Gefahr, die Förderchancen zu reduzieren.

Das liegt zum Teil ausgerechnet an jenem System, das eigentlich Qualität garantieren sollte: dem sogenannten Peer Reviewing, bei dem Koryphäen eines Fachs darüber entscheiden, ob ein Projektantrag förderwürdig oder ein Artikel publikationswürdig ist. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass das eine Konkurrenzsituation erzeugt, die oft gar nicht wissenschaftsförderlich ist.

"Es funktioniert nur, solange die Leute die Wissenschaft über alles lieben und sie ihnen das höchste Gut ist", sagt der Wiener Komplexitätsforscher Stefan Thurner, "aber nicht mehr, wenn sie anfangen, den eigenen Nutzen zu maximieren - was natürlich die meisten tun". Eigennutzenmaximierung: Wenn PostDocs gute Studien oder Projektanträge anderer PostDocs negativ referieren, weil sie die Konkurrenz auf dem PostDoc-Markt fürchten. Wenn die besten Köpfe mit den brillantesten Ideen nicht an eine Institution berufen werden, weil dort die Sorge herrscht, sie könnten die anderen überflügeln, sie mit einem Durchbruch gar überflüssig machen. Wenn gute Ideen zurückgewiesen werden, weil sie das eigene Lebenswerk oder die bisherige Praxis infrage stellen -oder Big Industry auf den Schlips treten, die längst bis tief in die Universtäten hinein die Richtung angibt, in welche die Forschung zu gehen hat.

Was es bis zur Förderung und in die Journale schafft, ist oft nicht mehr als Mittelmaß -wenn überhaupt: Denn fast zwei Drittel aller Peer-reviewten Publikationen in den Life-Sciences sind nicht reproduzierbar. Laut Thurner ist das "wahrscheinlich die größte Katastrophe für naturwissenschaftliche Fächer. Denn die gehen davon aus, dass sie auf dem aufbauen können, was andere gemacht haben. Wenn ich auf zwei Drittel nicht aufbauen kann, ist es nicht nur eine riesige Geldverschwendung, diesen Müll zu produzieren. Es erzeugt auch ein komplett falsches Bild, wo die Wissenschaft gerade steht."

Ist ein nachhaltiges Wissenssystem möglich?

Natürlich gab es das beharrende Moment und die Angst vor Konkurrenz und neuem Denken schon immer: Max Planck prägte dafür den Satz, Wissenschaft schreite stetig voran -von Begräbnis zu Begräbnis. Doch Peer Reviewing durchdringt inzwischen vom Projektantrag bis zur finalen Publikation alle Ebenen. Und das, so Donald Braben und über 30 führende Wissenschaftstreibende in einem offenen Brief an den Londoner Telegraph, bringe die Wissenschaft in ernsthafte Gefahr zu stagnieren.

Ständig neue Projektanträge und die Verwaltung laufender Projekte plus dauernde Review-Anfragen - alles Zeit, die für Kreativität und eigenes Nachdenken fehlt. Ulrike Felt, die deshalb inzwischen einen Großteil der Anfragen ablehnt, fordert hier eine Systemanpassung. "Wir sind nicht effi zienter, wenn wir alles messen und kontrollieren. Und: Wir müssen auch darüber nachdenken, in welche Richtung wir überhaupt gehen wollen. Nicht ein Mehr ist wichtig, sondern auch das Wie."

Wie also könnte ein "nachhaltiges Wissenssystem"(Felt) aussehen?"Wir müssen ein Stück Anarchie einbauen", so die Soziologin, die unter anderem Wissenschaftsund Technikforschung betreibt, "und nicht zu nah an den Indikatoren dranbleiben". Schon während des Studiums gelte es, junge Menschen im selbstständigen Arbeiten und Denken zu fördern, statt sie zu "streamlinen". Und wer sich auszeichne, brauche großzügige Unterstützung.

"Wenn wir Spitzenforschung wollen, dürfen wir nicht Mittelmäßigkeit fördern", bricht Thurner eine Lanze für die "besten Köpfe". Und die, so Felt, sollen nicht nur nach den derzeit dominierenden Parametern ausgewählt werden wie langen Publikationslisten in "guten" Journalen und Aufenthalten an prestigeträchtigen Universtäten. "Wir brauchen ein System, das erlaubt, Risikoverhalten an den Tag zu legen."

Braucht es zusätzlich auch eine Art Risikokapital für Ideen? "Genau dafür sind doch die Universitäten da!", meint Thurner. "Die sollen Zuchtstellen sein für verrückte Sachen die von talentierten Menschen verfolgt werden! Ohne ein bisschen Chaos, Risiko, sogar Wahnsinn, kommen kreative Prozesse schwer in Gang, aus denen exzellente Ideen entstehen können!" Und aus denen könnte die eine oder andere tatsächlich zu dem führen, was sich alle wünschen: Innovation.

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