Architektur

Welche Art von Kultur in der Stadt?

Ein Architekturprojekt soll die Bewerbungsansätze für den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" neu ausrichten

SONJA BURGER | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

23 Tage. So lange nützte 2003 die damalige Architekturstudentin Elisabeth Leitner von der TU Wien mit 39 Kommilitonen eine temporäre Funktionsfassade als Wohnstatt. Sie war im Zuge des Projekts "surface" am Palais Thienfeld in Graz errichtet worden. Zu dieser Zeit trug die Stadt den Titel "Europäische Kulturhauptstadt".

Mit Leitner und den anderen Studierenden diskutierten Schulklassen, aber auch alte Menschen darüber, was Wohnen bedeutet. "Was dann in den Evaluierungsberichten stand, hatte nichts damit zu tun. Nachhaltige Stadtentwicklung wird kaum angesprochen." Ein Defizit, das zum Auslöser für eine groß angelegte Initiative im Hochschulsektor wurde.

Die EU-Richtlinien zur Vergabe des Titels "Europäische Kulturhauptstadt" wurden grundlegend verändert. Doch Leitner stellt fest, dass seitens der Politik in dieser Hinsicht keine Aufklärungsarbeit geleistet wird. Wesentlichste Änderung ab 2020: Sechs Jahre, bevor ein Land an der Reihe ist, werden alle interessierten Städte eines Staates aufgefordert, sich einem Städtewettbewerb zu stellen. Eine zehnköpfige europäische Jury gibt neun Monate später eine Empfehlung ab. Um vor der Jury zu bestehen, müssen Städte jedoch ein Entwicklungskonzept vorlegen, in das sich das geplante Kulturthema während der Zeit als Kulturhauptstadt im Sinne der Nachhaltigkeit einfügt.

Auf die Untätigkeit auf politischer Ebene reagierte die Forscherin vom Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen der TU Wien. Sie gründete die Plattform "Kulturhauptstadt 2024". Wie schon zu ihren Studienzeiten sollen damit Denkprozesse angestoßen werden. Dafür holte sie acht heimische Universitäten an Bord, darunter die BOKU Wien, die Angewandte und die Uni Innsbruck. In universitätsübergreifenden Teams entwickelten Studierende verschiedene Bewerbungsansätze.

Ein Beispiel ist der Entwurf der Architekturstudentin Theresa Fierlinger über das Salzkammergut (nicht, dass es sich als Kulturhauptstadt bewürbe). Dort gibt es ein "Kaiserfest" in Bad Ischl. Fierlinger findet es symptomatisch für das "angestaubte Image" der Region. Sie entwarf mit einem Team einen Bewerbungsansatz ,Einbeziehung der Bevölkerung'.

"Heute arbeitet jede Region des Salzkammerguts für sich allein. Warum das Potenzial nicht gemeinsam nützen und sich als Region bewerben?", fragt Fierlinger. So könnte der Bewerbungsprozess nicht nur kulturell genutzt werden, sondern durch eine intensive Vernetzung unter anderem auch zu einer nachhaltigen Verbesserung des öffentlichen Verkehrs in der Region führen.

Mit insgesamt 44 Architektur-und Kunstprojekten tourt die Plattform bis Mitte nächsten Jahres durch Österreich. Zwölf Jahre nach ihrer Intervention bei "Graz 2003" ist für Leitner jedoch die Frage, wohin Kultur eine Stadt bewegt, aktueller denn je: "Die politischen Entwicklungen in Europa zeigen, dass die kulturelle Durchmischung nicht irgendwann vorbei ist."

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige