Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Von Innovation ist in Brüssel immer viel zu hören. Als Motor der Wirtschaft, des nächsten Aufschwungs, als Schlüssel, um den Kontinent wieder "nach vorne" zu bringen, wie es heißt. Und meist mit dem Unterton, dass man wohl den Anschluss in Sachen Innovation verloren haben muss, sich aber nicht ganz erklären kann, wieso eigentlich.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps hat Europas problematisches Verhältnis zur Innovation so ausgedrückt: "Europa lebt von seiner Substanz. Sie dürfen nicht in die Vergangenheit schauen, sondern in die Zukunft. Und da ist der Kontinent intellektuell und gemessen an seinem Ideenreichtum bankrott."

Steht es wirklich so schlimm um Europa? Ist die "Substanz", von der Phelps spricht, irgendwann bald einmal aufgebraucht und der Kontinent dann schlicht am Ende seiner fetten Jahre angekommen?

In den Europäischen Institutionen würde man, selbst wenn man Phelps Ansichten mehr oder weniger teilt, die selbe Analyse wohl nicht ganz so brutal ausdrücken. Aber auch im Parlament und in der Kommission stehen Abgeordnete, Kommissare und Fachreferenten oft vor der, man könnte sagen, Google-Facebook-Twitter-Frage: Warum kommt keine der bahnbrechenden, global erfolgreichen, milliardenschweren Erfindungen des digitalen Zeitalters aus Europa? Und, daraus folgend: Wie können wir es schaffen, dass das nächste Google, das nächste Facebook, das nächste Twitter eben nicht aus Silicon Valley -oder China oder Indien -kommt, sondern aus Europa?

Als Antwort gibt es dann meist eine Mischung aus folgenden Argumenten zu hören:

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen etwa in den USA sind schlicht innovationsfreundlicher (sorry, schwierig zu ändern!); das Mindset ist besser geeignet, weil man nicht so viel Angst vor dem Scheitern hat (noch schwieriger zu ändern!); Europa hat doch ohnehin keine Chance auf den nächsten Big Bang, weil man viel zu weit hinterher hinkt (Pech gehabt, lässt sich gar nicht ändern!).

Wie wäre es denn zur Abwechslung einmal mit diesem Ansatz: Einigen wir uns darauf, dass wir das nächste Google oder Facebook schlicht nicht schaffen werden -und zwar nicht nur, weil wir hintennach sind, nein, sondern auch (vor allem?), weil wir es gar nicht wollen.

Weil wir es anders, besser vielleicht, machen können. Ein Google mit vernünftigem Datenschutz zum Beispiel, das wär' doch schon etwas.

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