Hawara und Hüslebouar

Alexandra N. Lenz im Gespräch über "Deutsch in Österreich". Ein Streifzug durch Österreichs Sprachwelten

ELISABETH SCHEPE | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Alexandra N. Lenz aus Mainz, seit 2010 Professorin für Germanistik an der Universität Wien mit Schwerpunkt Variationslinguistik und Sprachgeschichte, koordiniert das Projekt "Deutsch in Österreich". Dafür erhielt sie das Förderprogramm "Spezialforschungsbereiche" des Wissenschaftsfonds (FWF). Fächer-, instituts-und universitätsübergreifend soll ab 2016 in den nächsten acht Jahren der Komplex der deutschen Sprache in Österreich untersucht werden.

Falter Heureka: Was wollen Sie mit dem Gemeinschaftsprojekt Deutsch in Österreich, DiÖ, erreichen?

Alexandra N. Lenz: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Thema DiÖ umfassend und aus verschiedenen Perspektiven anzugehen: Wer spricht wann wie mit wem welche Form von Deutsch? Wie beeinflussen historische und gegenwärtige Kontakte mit anderen Sprachen das Deutsche in Österreich? Auch Sprachwahrnehmung und -einstellungen interessieren uns: Anders als etwa bei technischen Spezialisierungen kann beim Thema Sprache jeder etwas dazu sagen. Die Wahrnehmung von Sprache hat in einer Gesellschaft eine große Bedeutung und beeinflusst auch unsere Sprach-bzw. Varietätenwahl.

Welche Aspekte von Sprache werden besonders stark bewertet?

Lenz: Sehr häufig sind die Diskussionen auf bestimmte Einzelwörter gerichtet -etwa die sogenannten Austriazismen wie Erdäpfel, Paradeiser oder Ribisel. Sie sind häufig emotional aufgeladen. Im EU-Beitrittsprotokoll von 1994 sind 23 dieser Austriazismen als geschützte Wörter aufgeführt.

Warum ist vielen Österreichern gerade die Abgrenzung zum Deutschen in Deutschland so wichtig?

Lenz: Sprache ist das zentrale Element unserer Identität -wichtiger als die Art, wie wir uns kleiden, oder welche Autos wir fahren. Warum muss man minimale Variationen so betonen? Weil es den Wert der eigenen Sprache hervorhebt. Dieser Wert ist durch Besonderheiten markiert, nicht durch Gemeinsamkeiten. Zwischen Österreich und Deutschland ist das auch eine historisch gewachsene Geschichte der Annäherung und der Abgrenzung über die Sprache.

Einer ihrer Schwerpunkte ist die Sprachvariation des Deutschen in Österreich. Welche Arten von Variation gibt es?

Lenz: Einerseits gibt es Varietäten der Standardsprache, der geschriebenen wie der gesprochenen. Wenn ich den Falter lese, nehme ich eine andere Form von Deutsch wahr, als wenn ich einem Nachrichtensprecher im ORF zuhöre. Auf der anderen Seite spielen Dialekte in Österreich eine große Rolle. Am häufigsten jedoch findet Kommunikation in einer Umgangs-oder Alltagssprache statt, die irgendwo zwischen Dialekt und Standardsprache einzuordnen ist.

Gab es bereits ähnlich umfassende Forschungen?

Lenz: Es gibt Beiträge zur standardsprachlichen Variation, meist auf Wörter, neuerdings auch auf grammatische Einzelphänomene bezogen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden außerdem lokal oder regional angelegte Dialektuntersuchungen durchgeführt, sogenannte Ortsgrammatiken. Hinzu kommen vereinzelte Dialektatlanten wie etwa der Sprachatlas von Oberösterreich. Bisher fehlt aber eine flächendeckende Analyse österreichischer Dialekte genauso wie Forschungen zur Umgangsund Alltagssprache.

Verschiedene Institute werden fächerübergreifend zusammenarbeiten. Warum ist diese Interdisziplinarität noch immer so rar?

Lenz: Interdisziplinarität ist wichtig, aber rein forschungspraktisch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Und ich spreche hier nicht nur über Fächer, denn unser Projekt geht ja auch über Uni-und Landesgrenzen hinaus. Wir haben Graz, Salzburg, Wien und die Akademie der Wissenschaften als Kooperationspartner. Und dort wiederum Kollegen aus Fächern wie Germanistik, Slawistik, Digital Humanities oder Computerlinguistik. Das ist ein heftiger Organisationsaufwand.

Welche Beiträge werden von der Slawistik kommen?

Lenz: Ein historisch angelegtes Projekt beschäftigt sich mit der Mehrsprachigkeit in der Habsburgermonarchie und dem Umgang mit dieser Vielfalt. Ein anderes Projekt widmet sich dem Einfluss des Tschechischen, den wir heute noch in den Varietäten von DiÖ beobachten können. Gerade im 19. Jahrhundert gab es hier einen intensiven Sprachkontakt. Es existieren Einflüsse, die noch nie systematisch untersucht wurden.

Wie werden die Ergebnisse aufbereitet?

Lenz: Alle gesammelten Materialien wie Tonaufnahmen, Zeitungsartikel oder Fragebögen werden wir in eine OnlineForschungsplattform einfließen lassen, auf die jeder zugreifen kann. Natürlich werden auch klassische Monografien entstehen. Wir hoffen, dass auch über den Forschungszeitraum hinaus die Plattform sowie die verschiedenen Kooperationsprojekte einen Impuls für die Forschungslandschaft in Österreich geben werden. Ich bin froh, dass nun einmal Geisteswissenschaften dieses Förderungsprogramm des FWF und damit Doktoranten-und Postdocstellen bekommen haben. So können wir einige der vielen guten Studierenden fördern. Das ist schön.

Wie lassen sich Umgangssprache oder Dialekt wissenschaftlich beschreiben?

Lenz: Wir werden Personen in unterschiedlichen Situationen beobachten und aufnehmen. Welche Sprachform wählen zwei Personen aus unterschiedlichen Regionen? Und welche Sprachform Familienmitglieder? Neben diesen von uns kreierten Situationen werden wir mit Fragebögen zu Spracheinstellungen eine große Zahl an Menschen befragen. Es sind auch Experimente mit Einzelpersonen geplant. Darin geht es um kleinste Nuancen der Aussprache, die phonetisch analysiert werden.

Welches Potenzial zur politischen Instrumentalisierung hat der Dialekt?

Lenz: Der Einsatz von Dialekt soll positive Emotionen hervorrufen -und bei Wahlen kann solcherart die lokale Identität ausgedrückt werden. Aber diese Botschaft wendet sich nur an jene, die sie auch verstehen können.

Und grenzt eine andere Gruppe aus Lenz: Genau.

Heimische Musiker haben mit Dialektliedern immer wieder Erfolg.

Lenz: Ein Zeichen dafür, dass Dialekt positiv besetzt ist. Daher kann er auch kommerzialisiert werden. Dass verschiedene Varietäten des Deutschen positiv wahrgenommen werden, ist eine gute Entwicklung, die sich gegen Diskriminierung richtet.

Werden im österreichischen Bildungssystem Sprachvarietäten diskriminiert?

Lenz: Glücklicherweise nicht so sehr, wie das im nord-oder mitteldeutschen Raum, wo ich herkomme, passiert ist. In den 1970ern kam dort die These auf, dass Sprechen im Dialekt den sozialen Aufstieg von Kindern erschwert. Nach allen Forschungen, die wir kennen, ist das nicht wahr. Es gibt etwa Schweizer Studien, die zeigen dass gerade Kinder, die Dialekt und dann Hochdeutsch gelernt haben, Fremdsprachen deutlich besser erlernen als ihre monovarietären Klassenkollegen. Wenn wir mehrere Sprachen sprechen, ist das immer ein Mehrwert für unsere Sprachkompetenz. Das gilt auch für Dialekt und Standardsprache.

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