Innovationen in der Lehre: In The MOOC

Die gute alte Lehre soll durch E-Learning, Blended learning, Inverted classroom und MOOC s ergänzt werden. Geht das auch wirklich?

ALEXANDRA MARKL | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Von der New York Times wurde das Jahr 2012 zum Jahr des MOOC erklärt (Massive Open Online Course). Schon damals hatten alle Top-Universitäten in den USA Hochschulkurse online gestellt.

Die Stanford-Professorin Daphne Koller etwa gründete die Plattform Coursera, auf der Lehrmaterialien von Stanford, Harvard, Princeton oder Yale über Internet zugänglich sind. Die Rechtfertigung dafür: "Der nächste Einstein lebt vielleicht in einem Dorf in Afrika." Mittlerweile bieten auch Unternehmen fortbildungswilligen Personen gegen entsprechende Gebühren MOOC s an. Die Rechtfertigung dafür sind die Gewinne.

Der erste MOOC an der Universität Graz

In Österreich tastet man sich an diese Form der Bildung noch heran. Der universitären Lehre wird von heimischen Onlinekursanbietern keine Konkurrenz gemacht. Im März 2014 ging die Universität Graz als erste heimische Hochschule mit einem eigenen MOOC online: "Unser Slogan ist: Bildung für alle. Wir wollen wissenschaftliche Inhalte einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht vermitteln", erklärt Michael Kopp, Leiter des Zentrums für Neue Medien und Wissenstransfer der Uni Graz.

Nun folgt die Wirtschaftsuniversität Wien, die ab nächstem Frühjahr in Partnerschaft mit der Technischen Universität Wien eine Art MOOC anbieten wird. Dazu Oliver Vettori, Vizerektor für die Lehre an der WU Wien: "Es geht um das Prinzip 'Was können wir der Gesellschaft zurückgeben'. Wir wollen die Kenntnis von wirtschaftlichen Problemen schärfen und richten uns an alle, die sich weiterbilden wollen - kostenlos."

In Graz waren die ersten Onlinekurse auf Studierende ausgerichtete Lehrveranstaltungen. Der erste Kurs der Plattform iMOOX -ein Gemeinschaftsprojekt von Uni und TU Graz - hieß "Lernen im Netz - vom Möglichen und Machbaren". Heute bietet die Uni Graz 16 Onlinekurse für über 7000 registrierte User. Einige MOOCs werden wie Lehrveranstaltungen genützt. Nach abgeschlossenem Onlinekurs findet die Prüfung auf der Uni statt. Die dabei erreichten ECTS-Punkte werden auf das Studium angerechnet. Die kostenlosen Kurse sind aber auch für Nicht-Studierende offen.

Die WU Wien hingegen plant keine kompletten MOOCs. Vielmehr soll in sogenannten "Mini-MOOCs" das praktische Verständnis von wirtschaftlichen und rechtlichen Zusammenhängen gefördert werden. "Unsere Experten entwickeln Module rund um Themen wie Verschuldung, Arbeitsmärkte, Vertragsrecht oder Steuern, die allen Interessierten im Sinne eines Community-outreach-Projekts zugutekommen sollen."

Blended learning an der FH Wien

Die FH Wien betreibt die Lernplattform Moodle, auf der Kursmaterialien verfügbar gemacht werden. Sie bietet aber keine MOOCs an. Man sieht E-Learning als wichtige Anreicherungsstrategie: "Das ist bei uns seit zehn Jahren fixer Bestandteil des Hochschulalltags, und die Nutzung der Plattform ist selbstverständlich", erklärt Irmgard Fallmann, Leiterin des Kompetenzzentrums E-Learning von FH Wien und Wirtschaftkammer. Auch Blended learning wird hier praktiziert, wobei Präsenzund Onlinelernen durch didaktisches Design miteinander verknüpft werden. Dieses Modell wendet sich jedoch nur an FH-Studierende: "Moodle ist eine geschlossene Plattform", stellt Fallmann klar.

Auch in Graz setzt man neben den MOOC s "stark auf die Kombination zwischen Präsenz-und Onlinelernen. Das ist mittlerweile gelebte Praxis", sagt Kopp. Das Inverted-classroom-Prinzip wird ebenfalls benützt: "Wir stellen Inhalte online zur Verfügung, die die Studierenden im Voraus bearbeiten, und diskutieren diese dann an der Uni. So kann man gemeinsam bestimmte Aspekte erarbeiten."

E-Learning ist auf der WU Wien Alltag. Mit dem Inverted-classroom-Prinzip experimentiert man noch, aber: "Die Grundidee ist ja uralt: Dass man sich vor der Lehreinheit das Buch anschaut", sagt Vettori. Ziel sei es, über verschiedene Schienen mit verschiedenen Zielgruppen kommunizieren zu können.

E-Learning: Mehraufwand und Bedrohung?

Die digitale Entwicklung bedeutet auch für Lehrpersonen große Veränderungen. "Für die Lehrenden bedarf es eines Umdenkprozesses", erklärt Fallmann von der FH Wien. "Die Vorbereitung auf E-Learning-Kurse nimmt viel zusätzliche Zeit in Anspruch und setzt mediendidaktische Kenntnisse voraus. Dafür bieten wir ein Schulungs-und Beratungsangebot."

Auch an der Uni Graz werden die Lehrenden unterstützt. "Zu Beginn haben wir sofort einen mediendidaktischen Leitfaden angeboten, weil sich Online-und Präsenzlehre sehr unterscheiden. Das hat sehr geholfen. Damit wussten die Lehrenden, wie sie Inhalte aufbereiten sollen", erklärt Kopp.

Trotz Onlineangebot versteht sich die Uni Graz wie alle anderen heimischen Universitäten auch nach wie vor als Präsenzuniversität. E-Learning ist Ergänzung und Bereicherung. Auch Vettori, Vizerektor für Lehre an der WU Wien, sieht es so: "Solange universitäre Bildung durch Erkenntnis und Dialog getrieben ist, kann sie nicht durch MOOC s ersetzt werden."

In den USA ist der Hype um die MOOCs mittlerweile etwas abgeflaut. MOOCs können keinen Campus oder das persönliche Netzwerken von Studierenden ersetzen. Die computerisierte Auswertung von MOOC-Prüfungen ist in naturwissenschaftlichen Fächern relativ unproblematisch, in den geisteswissenschaftlichen jedoch umstritten.

Harvard-Professor Clayton Christensen, Begründer der Theorie der disruptiven Innovation, sieht für die Zukunft der Universitäten eher schwarz: "In fünfzehn Jahren könnte die Hälfte der US-Universitäten bankrott sein."

Österreichs MOOCs sind anders

In Österreich sieht man keine Gefährdung der universitären Strukturen durch MOOCs. Für Fallmann ist es an den Bildungseinrichtungen selbst, ihre Kernkompetenz darzulegen: "Will ich mich durch gute Präsenzlehre auszeichnen - angereichert durch digitale Elemente -oder mit MOOCs groß herauskommen? Und kann ich damit wirklich die gleichen Inhalte wie in den Studiengängen abbilden?"

An der WU Wien spricht man ohnehin lieber von "open educational resources" als von einem MOOC. "Ein echter MOOC ist ein durchdesignter Kurs, den ich in einer strengen Abfolge absolviere. Dabei springen viele Studierende ab." Daher stelle man lieber "leichter verdauliche Bits und Pieces" zur Verfügung, sagt Vettori. "Die ersten großen Initiativen, Lehre durch MOOCs zu ersetzen, sind redimensioniert oder abgedreht worden."

Darüber hat man sich auch auf der Uni Graz Gedanken gemacht. "MOOCs leiden unter hohen Abbruchsraten von 70 bis 80 Prozent", sagt Michael Kopp. "Wir vergleichen die aktiven Studierenden, die posten und mitarbeiten, mit jenen, die den Kurs auch beenden. Da kommen wir auf eine Abschlussrate von 50 Prozent."

Mit amerikanischen MOOCs sind jene in Österreich ohnehin nicht zu vergleichen. "Neben der Infrastruktur ist auch das Einverständnis des Vortragenden nötig, sich öffentlich darzustellen", sagt Fallmann von der FH Wien.

"Wenn ich vorschlage, Studierenden Lernvideos über YouTube verfügbar zu machen, ist nicht jeder so begeistert. Die Amerikaner haben diesbezüglich ein anderes Selbstverständnis: Man zeigt sich einfach auch im Netz."

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