Was am Ende bleibt

Bilder von Flüchtlingen

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Man könnte meinen, unter Philosophen geraten zu sein. "Sie wollen doch nicht", sagte ein Minister, "dass wir dann Bilder von Flüchtlingen haben, die die Grenze stürmen!"

Warum Bilder, denkt man verwundert, und nicht einfach Flüchtlinge, die die Grenze stürmen? Kaum ordnen sich die Gedanken, worin der Unterschied zwischen "Flüchtlingen" und "Bildern von Flüchtlingen" besteht, schon ertönt es aus dem Mund der Regierungskollegin: "Vor allem gilt es, Bilder von frierenden, an unseren Grenzen herumirrenden Kindern zu vermeiden."

Wie war das eigentlich mit dem Bild? Ach ja: Wittgenstein! "Ein Bild hielt uns gefangen. Aber heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache." Schließlich, merklich erzürnt, ergreift der Regierungschef das Wort: "Wir müssen auch Bilder vermeiden, die glauben machen, jeder spaziert hier einfach über die Grenze."

Ludwig Wittgensteins Bild-Aphorismus hat mit der Diskussion über Flüchtlinge, Grenzen und Zäune, politische Ratlosigkeit und gezwungenermaßen improvisierendes Handeln eher nichts zu tun. Oder doch? Warum sind partout Bilder plötzlich so wichtig?

Wäre die sogenannte Flüchtlingskrise weniger wichtig, gäbe es keine Bilder davon? Spitzzüngig hätte ein Kritiker früherer Tage konstatiert: "An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen!" Der in der Debatte gefallene Verweis auf das "Wörterbuch des Unmenschen" wäre im Sinne einer Deesakalierung der Worte später wieder zurückgenommen worden; schließlich sei man ja auf konstruktive Vorschläge angewiesen

Allein heute, in den Zeiten fortgeschrittener politischer Korrektheit und kulturwissenschaftlicher Diskursanalyse gilt es, nur noch Bilder zu verhindern! Welche Politikberater hat die Rede von "den Bildern" eigentlich ins Spiel gebracht? Was würde geschehen, gelangten diese Bilder, die man selber herstellt, in die Öffentlichkeit? Ist es die Öffentlichkeit, die es zu verhindern gilt? Was, wenn Flüchtlinge tatsächlich Grenzen stürmen, Kinder dort erfrieren oder über die Autobahn spazieren? Ist die Reden von den Bildern lediglich ein zeitgemäßer Ausdruck von Rat-und Hilflosigkeit? Sollst du dir doch ein Bild machen?

In Robert Musils " Erdensekretariat für Genauigkeit und Seele" heißt es am Ende einer derartigen Diskussion: "Also worauf haben wir uns nun schließlich geeinigt? fragte er, und als niemand eine Antwort fand, fügte er beruhigend hinzu: Na, wir werden es ja schließlich noch sehn!" Das Bild?

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