Das urbane Afrika boomt und wir bekommen es nicht mit

Hans Stoisser beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Afrika. Im November erscheint sein Buch "Der schwarze Tiger - Was wir von Afrika lernen können"

aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Falter Heureka: Ich habe einige Afrika-Berichte angeschaut und wenig Positives gefunden. Gibt es nichts Positives, oder sehen wir es bloß nicht?

Hans Stoisser: Ich glaube, wir sehen es nicht. Das Bild, das wir haben, ein Afrika der Katastrophen und der Entwicklungshilfe, verdeckt unseren Blick auf das, was passiert. Zwischen 2000 und 2013 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in den Subsahara-Ländern durchschnittlich verdoppelt. Auch die Normalität sehen wir nicht: Menschen sind dort so wie wir: eine Mittelklasse. Das ist nichts Exotisches mehr und deshalb auch nicht berichtenswert. Da Afrika der Ursprung der Menschheit ist, glauben wir, dass dort ganz ursprüngliche Sachen zu finden sind. Diese Idee geben wir nicht so leicht auf. Tatsächlich boomt das urbane Afrika und ist Teil der globalisierten Welt geworden. Dies ist der große Unterschied zu früher.

Lebt die Mehrheit der Bevölkerung nicht am Land?

Stoisser: Laut UNO leben 40 Prozent der Bevölkerung in der Stadt, bald werden es 50 Prozent sein.

In den Städten gibt es auch Slums ...

Stoisser: Richtig. Das ist das, was wir in Europa zuerst sehen. Aber dort, wo es Urbanisierung gibt, steigen die Einkommen, und dann beginnt ein Veränderungsprozess.

Worauf soll sich ein neuer Blick auf Afrika richten?

Stoisser: Im Zusammentreffen von Globalisierung und Digitalisierung entstehen soziale Innovationen, die uns neue Wege zeigen. Beispiel Mobile Banking. Es ist in den 1990ern in Kenia und Tansania gelungen, mit primitiven Mobiltelefonen ein Banksystem aufzubauen.

Was zeigt uns das?

Stoisser: Wenn ich den Bankensektor fast ganz weglassen und auf einem einfachen digitalen Netzwerk ein Geld-Transaktionssystem aufbauen kann, ist das eine echte Innovation und hochproduktiv. Das bringt was. Auch in entlegenen Landesteilen können Menschen nun Geld überweisen und Kredite aufnehmen. Daraus kann man lernen, dass einfache, auf ihren ursprünglichen Zweck zurückgeführte Strukturen hochwirksam sein können. Das stellt unser komplexes Bankensystem infrage.

Gibt es andere Beispiele?

Stoisser: Der Verkehr in afrikanischen Städten funktioniert auf Basis privater Kleinbustaxis, der Matatus. Er ist sehr chaotisch und hochkomplex. Es gibt keine zentral gesteuerten öffentlichen Verkehrsmittel. In Dar es Salaam versucht ein Softwareunternehmen gerade, digital abzubilden, wo die Busse unterwegs sind. Ich will von A nach B und erfahre, wann das nächste Taxi kommt und wie lange es dorthin brauchen wird.

Haben die Menschen denn Smartphones?

Stoisser: Es genügen auch internetfähige Handys. Auf ihnen wird angezeigt, ob überhaupt ein Taxi unterwegs ist. In den entlegeneren Gebieten ist das wichtig. Hier weiß man oft nicht, ob man einen halben Tag oder drei Tage auf eines warten muss.

Was ist das Innovative daran?

Stoisser: Ein Echtzeitfahrplan für ein hochkomplexes dezentrales Transportsystem ist hochinnovativ. Der Bedarf an Transportmitteln trifft auf kreatives Programmieren und eine Big-Data-Anwendung. Im Zusammentreffen sozialer Systeme mit moderner Technologie liegt eine neue Qualität. In Ruanda gibt es Überlegungen, Drohnenflugzeuge für Transportzwecke einzusetzen. Ähnlich, wie beim Telefonieren die Festnetztechnologie übersprungen wurde, überspringt man jetzt vielleicht sogar den Vollausbau der Straßennetze.

Was können Europa und die Welt von Afrika lernen?

Stoisser: Ich glaube, dass sich Europa mit dem urbanen Afrika vernetzen muss, will es seinen Platz in der Welt behalten. Es geht darum, dass Europa bei der Gestaltung einer emphatischen globalen Gesellschaft etwas einbringt: das Friedens-und das Wirtschaftsmodell, diese mittelständische Wirtschaft, die sich still und heimlich globalisiert hat. In Afrika ist eine Mittelschicht entstanden, Menschen, die so sind wie wir. Das müssen wir erkennen und versuchen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber auf Augenhöhe und nicht mit dem Hintergedanken, die brauchen unsere Hilfe.

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