Multitasken wie die Tiere

Das Multitasking kommt aus der Informatik -und wirft uns auf tierische Verhaltensweisen zurück

SABINE EDITH BRAUN | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Erst war die Maschine, dann der Mensch: Multitasking als "Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben parallel abzuarbeiten" ist ein Begriff aus der Informatik. Redet man heute von "Multitasking", geht es um menschliches Multitasking.

Den Frühstückskaffee im Bus trinken, auf dem Smartphone derweil Statusmeldungen checken -rasch ein paar Kommentare verfassen, Likes verteilen -, dazwischen einen Arzttermin vereinbaren, im Büro die Bildschirme einschalten, Mails checken, gleichzeitig Rückrufe erledigen - menschliches Multitasking ist eine Folge der Digitalisierung.

Doch "smart" ist nicht immer smart: "Hinter diesem Wort verstecken sich Unzulänglichkeiten, die oft nicht mitbedacht werden", sagt Christoph Musik, PostDoc am Österreichischen Institut für Medienwirtschaft der FH St. Pölten. "Smart" sei oft das, was durch Marketing dazu gemacht werde.

Im Zeitalter der Audiokassette, als es dauerte, bis das Band zurückgespult war, gab es kein Multitasking. Multitasking ist Folge wie Voraussetzung der "digitalen Kultur", die Peter Glotz zur Jahrtausendwende konstatierte, einer "charakteristischen Veränderung unseres Umgangs miteinander, unseres intellektuellen Stoffwechsels, unserer Sinnkommunikation, unserer dialogischen und persuasiven Praxis".

"Digital ist besser", meinten Tocotronic 1995. Fünfzehn Jahre später nennt der Philosoph Byung-Chul Han Multitasking einen Regress, denn es sei eine spezielle Fähigkeit des Tiers: "Es muss ständig aufpassen, damit es beim Fressen nicht selbst gefressen wird. Gleichzeitig muss es seinen Nachwuchs bewachen und seine Geschlechtspartner im Auge behalten. In der freien Wildbahn ist das Tier dazu gezwungen, seine Aufmerksamkeit auf diverse Tätigkeiten zu verteilen", so Han in der "Müdigkeitsgesellschaft".

Müde wird, wer alles gleichzeitig macht. 14 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle 2014 in Österreich sind auf Unaufmerksamkeit zurückzuführen, Tendenz steigend. Wer beim Lenken telefoniert, braucht etwas, das ihm den Weg weist. Immer öfter landen Autos im See oder bleiben in engen Gassen stecken, weil dem Navigationsgerät vertraut wird, während das eigene Gehirn auf Stand-by läuft.

"Es herrscht blindes Vertrauen in Technologie", so Christoph Musik, "die Fähigkeiten von Technologien werden oft überschätzt, es wird ihnen Neutralität zugeschrieben - aber letztlich ist alle Technologie politisch". Musik verweist auf Computeralgorithmen, etwa zur Gesichtsausdruckserkennung.

"Was hier als Emotion festgelegt wird, ist ein komplexer soziotechnischer Prozess." Denn im Algorithmus würden einzelne Sichtweisen festgeschrieben. Und was einmal eingeführt ist, könne zu einer Macht werden -siehe Facebook, siehe Google.

Musik rät dazu, neue Technologien als Hilfsmittel zu sehen, die das beschleunigte Leben zwar erleichtern, die aber nicht perfekt sind. In dieser Kette sei es der Mensch selbst, der sich durch einen kritiklosen Umgang mit neuen Technologien, einer Abhängigkeit von diesen sowie durch eine zwar quantitativ gestiegene, qualitativ aber mindere Kommunikation allmählich in seiner Freiheit begrenze.

Der Prozess der Digitalisierung sei unumkehrbar, meint Musik. Doch wir müssten lernen, ihn mitzugestalten, und zwar in einer Weise, "dass es uns gesamtgesellschaftlich voranbringt".

Das immerhin fanden auch schon Tocotronic 1995: "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit".

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