Personalisierte Produkte ohne Personen

Vernetzte Maschinen übernehmen menschliche Arbeitsaufgaben. Social Media und Industrie 4.0 nehmen uns in die Zange

ALMINA MAHMUTOVIC, ALEXANDER KLEEDORFER | aus HEUREKA 5/15 vom 04.11.2015

Natürlich spielt Science-Fiction eine Rolle. Manche Innovationen könnten direkt aus Filmen wie "Terminator" oder "Star Trek" stammen. Das Internet samt Social Media, Apps und vernetzten Maschinen dringt in immer mehr Lebensbereiche ein und stellt ganz nebenbei die Privatsphäre infrage.

Autonome Autos, wie sie Google plant, Autoversicherungen, die gefahrene Kilometer als Basis für die Versicherungsprämie heranziehen, oder smarte Stromzähler sind einige Beispiele, die zeigen, wie weit die Digitalisierung heute schon geht.

"Digitale Plattformen wie Uber oder AirBnB bringen mit ihren Services traditionelle Geschäftsmodelle ins Wanken. Und das ohne überhaupt selbst als Dienstleister dem Kunden gegenüber aufzutreten", erklärt Andreas Tiefengraber von Roland Berger Strategy Consultants die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Wenn das Internet Dinge zum Leben erweckt

Dass alltägliche Dinge um uns herum ständig mit dem Internet verbunden sind, jederzeit Daten über unser Verhalten, unsere Gewohnheiten, unsere Körperfunktionen sammeln und untereinander austauschen, klingt vollkommen utopisch.

Schuhe, die ein Signal von sich geben, wenn man zu schnell läuft. Die Jacke, die registriert, dass uns kalt ist und sich aufwärmt. Der Kühlschrank, der weiß, dass die Milch aus ist und es dem Supermarkt meldet, welcher sofort eine Lieferung an unsere Wohnadresse veranlasst. Hört sich doch nach Science-Fiction an, oder? Auf jeden Fall ist es aber eine Welt, wie sie die Verfechter des sogenannten "Internet of Things" sehen.

Das Zusammenwachsen realer und virtueller Welt verändert aber nicht nur unseren Alltag, sondern auch unsere Art zu produzieren. Langsam aber sicher zieht das Internet der Dinge auch in die Fabriken ein. "Industrie 4.0" heißt hier das Zauberwort, welches "moderne Informations-und Kommunikationstechnologien mit klassischen industriellen Prozessen zu sogenannten cyber-physischen Systemen (CPS) verschmelzen lässt", erklärt Rainer Ostermann von Festo Österreich, dem Anbieter von Automatisierungstechnik für Fabrik-und Prozessautomation.

Maßanfertigungen in der intelligenten Fabrik

Mithilfe von Sensoren, Aktoren und kleinen eingebetteten Rechnern kommunizieren die Werkstücke direkt mit den Produktionsanlagen. Von der Materialbeschaffung bis hin zum versandfertigen Produkt soll sich die Produktion wie von Zauberhand selbst steuern.

Diese sogenannten "Smart Factorys" sollen auch neue Geschäftsmöglichkeiten fabrizieren. "Wir wissen heute, dass immer mehr individualisierte Produkte nachgefragt werden. Diesen Anforderungen können wir inzwischen durch die Digitalisierungstechnik gerecht werden", erklärt Klaus Sickinger von SAP Österreich.

"Personalisierte Produkte zu den Kosten einer Großserienproduktion" ist laut Wilfried Sihn, Geschäftsführer Fraunhofer Austria, ein großes Ziel der Industrie-4.0-Aktivitäten.

Laut Helmut Maier, dem Geschäftsführer der Sick GmbH, gibt es Ansätze von Industrie 4.0 quer durch alle Industrien. Führend sind seiner Meinung nach "die Produktionswerke der Automobilindustrie und deren Zulieferer". Das größte österreichische Projekt im Bereich Industrie 4.0 derzeit sei die Pilotfabrik von Infineon in Villach. Für Sihn stehen aber österreichische Unternehmen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Fest steht, dass "jedes produzierende Unternehmen, das erfolgreich am Markt bestehen will, sich in unterschiedlicher Ausprägung mit dem Thema Industrie 4.0 beschäftigt", sagt Helmut Maier.

Das trifft sogar auf den Schokoladehersteller Zotter zu: "Bei uns ist es die Kombination aus technischer Präzision und handwerklichem Können, damit beste Schokolade entsteht", erklärt Firmengründer Josef Zotter. Dabei spielt für ihn der Faktor Mensch immer eine ganz wichtige Rolle: "Handwerk und Kreativität mit einer Portion Mut und Individualität kann durch keine Maschine ersetzt werden", meint er.

Wenn aber durch das "Internet der Dinge" die Fabrik intelligenter und damit auch erfolgreicher werden soll, ist mehr als nur die technische Umsetzung relevant.

Das Mensch-Maschine-Match ist schon im Gang

Industrie 4.0 bewirkt nämlich einen weitreichenden Wandel der Organisations-und Arbeitsstrukturen. Viele Faktoren sind noch unklar, vom Abbau manueller Tätigkeiten kann man ausgehen. Nicht abschätzbar ist, ob die Re-Industrialisierung Europas den Wegfall der weniger qualifizierten Arbeitsplätze wird kompensieren können.

Isabella Meran-Waldstein von der Industriellenvereinigung sieht jedenfalls keinen Anlass für die Befürchtung, dass Industrie 4.0 automatisch zu Arbeitsplatzverlusten führen werde: "Lediglich die Form und Art der Arbeit wird sich ändern. Qualifikation und Ausbildung werden aber einen immer höheren Stellenwert bekommen."

Seit gut einem Jahr setzt sich das Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) in Kooperation mit dem Austrian Institute of Technology mit Industrie 4.0 auseinander: Die Konsequenzen der Entwicklung werden in einer vom Parlament beauftragten Studie genau analysiert.

ITA-Leiter Michael Nentwich resümiert die Studie:

"Industrie 4.0 stellt einen weitreichenden Technologie-Push dar. Die Frage ist nicht, ob dies kommt, sondern wie es kommen soll: Wie sieht eine menschengerechte Arbeitswelt der Zukunft aus?"

Auch wenn die menschenleere Fabrik mittelfristig eine Illusion bleibt und der Mensch das Kommando behält, werden sich die Arbeitsanforderungen sehr stark ändern. Daher stellt die Evolution zur Industrie 4.0 eine große Herausforderung für das Bildungssystem dar.

ITA-Studienautor Georg Aichholzer präzisiert: "Das österreichische Berufsbildungssystem ist trotz aller Unkenrufe relativ gut aufgestellt. Mit der hohen Ausbildungsdifferenzierung und einem modernisierten dualen System lassen sich die aktuellen Herausforderungen bewältigen."

Die Arbeiterkammer (AK) geht bei den digitalen Qualifikationen einen Schritt weiter: "Es sollte auf die Vermittlung digitaler Kompetenzen in Bildung und Ausbildung fokussiert werden. Den Beschäftigten sollte ein Recht auf Weiterbildung eingeräumt werden", erläutert Roland Lang von der AK Wien.

Konstruktive Technikfolgenabschätzung

Die komplexen Produktionssysteme der Zukunft erfordern Fachwissen zu Maschinenbau, Elektrotechnik und technischer Informatik; interdisziplinäres und vernetztes Denken werden mehr denn je gefragt sein.

Einen möglichen Weg sieht Nentwich in der sogenannten konstruktiven Technikfolgenabschätzung: "Um die Menschen nicht zu reinen Erfüllungsgehilfen der Maschinen zu machen, wäre die Berücksichtigung von Erkenntnissen der Technikfolgenabschätzung bereits während der Entwicklung dieser neuer Technologien sinnvoll. Wird der Mensch frühzeitig in das Prozessdesign eingebunden, entstehen bessere Arbeitsplätze."

Ein positiver, wenn auch herausfordernder Ansatz, wie aus einem lebensbejahendem Science-Fiction-Film.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige