Was am Ende bleibt

Candides Garten

Erich Klein | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Unmittelbar nach den jüngsten Terroranschlägen in Paris erstrahlten das World Trade Center, das Wembley-Stadion und schließlich auch die ägyptischen Pyramiden in den Farben der französischen Tricolore. Ein Zentrum der Macht, eine Sportstätte, diverses Weltkulturerbe und ein antikes Bauwerk als Träger großer Symbolpolitik. Die Botschaft ist einfach wie klar: Alle Welt trauert mit Paris.

Mit der Geschwindigkeit des Internets, in der sich die Nachricht über Terror und Mord verbreitete, erfolgten die Reaktionen: Politiker melden sich zu Wort, Journalisten ergreifen es, Besserwisser mischen sich in den Chor der Öffentlichkeit und die üblichen Verschwörungstheoretiker - allesamt der universellen Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen. Es herrscht Betroffenheit. Worum geht es?

Wer in diesen Tagen "Europa", "Freiheit" und "Zivilisation" in den Mund nimmt, wird rasch der Heuchelei bezichtigt, bisweilen mit Recht. Warum wird symbolische Solidarität nur mit den Opfern in Paris und nicht mit jenen in Beirut geäußert, wo nur wenige Tage zuvor ein nicht weniger blutiger Anschlag erfolgt war?

Der Rede vom "Krieg" aus den höchsten Regierungsämtern wird unverhofft von jenen Einhalt geboten, die normalerweise um keine Eskalation der Worte verlegen sind. Man möge nicht von "Krieg" sprechen, der zur selben Zeit allerdings tatsächlich stattfindet. Wer soeben noch, vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise, den "Krieg der Zivilisationen" aufwärmte, verlangt eine Deeskalation der Worte. Terror und Flüchtlingskrise mögen nicht miteinander verknüpft werden.

Und wo sind die Gebildeten unter den Verächtern des Eurozentrismus, die sonst um keine geistreiche "Dekonstruktion", keinen "postkolonialen Diskurs" verlegen sind? Im Hintergrund warten die Populisten auf die Gunst der Stunde, um neue Schlagwörter in Umlauf zu bringen. Handelt es sich tatsächlich um einen postmodernen Krieg? Und darf, wer sich betroffen fühlt, abseits stehen, ohne je eine symbolische Geste zu setzen und sich trotzdem seines guten Gewissens erfreuen? Auch auf die Gefahr hin, dass seine Ungerührtheit der Gleichgültigkeit der großen Zahl gleicht? Der Weisheit letzter Schluss in Voltaires "Candide", der auf seiner Suche nach der besten aller möglichen Welten durch die Katastrophen seiner Zeit torkelt, lautet: "Es gilt, sich um seinen eigenen Garten zu kümmern." Ab wann sieht sich Candide gezwungen, doch über den Gartenzaun zu sehen?

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