Motivation perdu?

Steigende Antragszahlen zur Forschungsföderung führen zu steigenden Ablehnungsraten. Da steht die Motivation schnell auf dem Spiel

Sonja Burger | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Blank liegende Nerven und Formulierungen wie "Schrotschusskritik ohne jedes Argument": In seinem Kommentar "Drei Jahre Nervenkrieg und eine Niederlage" im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb sich der Germanist Hermann Kurzke schon vor Jahren seine Enttäuschung von der Seele.

Stein des Anstoßes war die Ablehnung des Langzeitantrags "Kulturgut Kirchenlied" des Interdisziplinären Arbeitskreises Gesangbuchforschung der Universität Mainz durch die Wissenschaftliche Kommission der Union der deutschen Wissenschaftsakademien. Am Auf- und Ausbau der an der Universität beheimateten Forschungsstelle Gesangbucharchiv war Kurzke lange Jahre beteiligt. Emotionsgeladen kritisierte er an der Entscheidung die vage Argumentation und dass das Ansehen der Antragsteller in den Schmutz gezogen werde. Denn "wenn das wirkliche Argument das Geld ist, dann soll der Bescheid lauten, das Geld hat nicht gereicht".

Die Ablehnung wird zur Normalität

Tragik eines Nischenthemas? Nicht nur. Denn steigende wissenschaftliche Aktivitäten in allen Themenbereichen, unterschiedlich ausgestattete Fördertöpfe und Förderschwerpunkte, die nicht weiter verfolgt werden, führen auch dazu, dass mit Ablehnung gerechnet werden muss. Und die Ablehnung ihres Antrags ist eine Situation, mit der hierzulande auch immer mehr hochqualifiziert Forschende konfrontiert sind.

Dies bestätigt Maximilian Fochler, Vorstand des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien. "Wir erleben heute sehr viele Abwertungen als Rückmeldung. Aber Selektivität aufgrund budgetärer Knappheit und Selektion zur Qualitätssicherung sind nicht dasselbe." Dass hochwertige Forschung immer öfter aus finanziellen Gründen als nicht förderungswürdig abgestempelt werde, sei "ein Zynismus" und steht in krassem Widerspruch zum politischen Wort von der Wissenschaft als treibende Kraft gesellschaftlicher Entwicklung.

Mittlerweile ist das Wissenschaftssystem, eingebettet in globale wirtschaftliche und politische Zusammenhänge, stark von einem internationalen Wettbewerb getrieben. Nun sollte mehr Wettbewerb eigentlich bessere Forschungsleistungen ermöglichen. Er kann aber auch zu einer Kultur führen, die sich zunehmend im Rahmen der Vorgaben des Wettbewerbs bewegt und das Out-of-the-Box-Denken einschränkt. Eine Entwicklung, die für Jörg Flecker, Soziologe mit Schwerpunkt Arbeitssoziologie an der Universität Wien, bedenklich ist. Denn das Verhältnis von Konkurrenz und Kreativität sei in der Wissenschaft üblich und im positiven Sinne treibend, aber zunehmend ambivalent.

Im Idealfall regt Wettbewerb dazu an, mit neuen Ideen oder außergewöhnlichen Fragestellungen zu punkten - "ständige Begutachtungen und Bewährungsproben erzeugen aber eine große Unsicherheit. Viele reagieren darauf, indem sie auf der sicheren Seite bleiben und sich anpassen."

Höher, schneller, weiter - bloß wohin?

Die Forschungsförderung erfolgt heute auf Länder-, Bundes-und EU-Ebene. Sie schafft neue Anreize für Forschende und neue Forschungsmöglichkeiten auch abseits der Universitäten. Der Zugang zu diesen Fördermitteln erfordert die Auseinandersetzung mit den entsprechenden Richtlinien. Ein Mehraufwand, der aber eben auch die Chance auf Fördermittel eröffnet. So bemühen sich viele Wissenschaftstreibende durchaus erfolgreich um das Einwerben von Mitteln. Fochler sagt dazu: "Das kontinuierlich erfolgreiche Einwerben von Fördermitteln ist vielfach zu einer Karrierevoraussetzung an der Universität geworden."

Da die Fördermittel nicht unbegrenzt sind, muss es zu einem Selektionsprozess kommen, der für viele nicht ganz unproblematisch ist. Manfred Prisching, Leiter des Centrums für Sozialforschung an der Universität Graz und Mitglied des Wissenschaftsrates, weist darauf hin, dass die Indikatoren zur Auswahl von Projekten kritisch hinterfragt werden müssten; er zeigt die Anpassungsprozesse im Wissenschaftssystem selbst auf: "Die Indikatoren werden immer mehr. Doch jede Art von Indikator ruft ein Anpassungsverhalten hervor, und teils werden sie umgangen. Um das zu verhindern, werden wieder neue geschaffen."

Fördermittelwerbung kostet Zeit, Geld und Nerven

Der steigende Zeitaufwand für Antragund Folgeantragstellung bringt im Idealfall genug Geld, damit ein Forschungsprojekt durchgeführt werden kann. Er birgt jedoch auch die Gefahr, dass der "Karriereweg Forschung" an Attraktivität einbüßt. Zu einem Gutteil deshalb, weil die in Förderungsansuchen investierte Zeit dann bei den schon laufenden Forschungstätigkeiten fehlt. Manche empfinden, dass darunter die Qualität ihrer aktuellen Arbeit leidet. Besonders demotiviert fühlen sie sich verständlicherweise dann, wenn der Antrag für ein neues Projekt oder die Weiterführung eines laufenden abgelehnt wird.

Das steigende Risiko der Ablehnung setze den Forschenden immer mehr zu, meint der Arbeitssoziologe Flecker. "Es ist schwierig, cool zu bleiben. Mit jeder Ablehnung wächst die Gefahr, dass man nicht mehr die Energie aufbringt, um weiterzumachen. Kommt es zu einer Imbalance von Anstrengung und Belohnung, wie etwa positive Rückmeldungen, führt das zu Erkrankungen."

Klarerweise ist mit jedem Förderantrag die Möglichkeit einer Ablehnung gegeben. Und wenn diese wohl die Motivation mancher Forschenden infrage stellen kann, bieten Förderungen eben auch die Grundlage für das Weitermachen. Individuelles Pech lässt sich nicht vermeiden. Die Frage aber lässt sich stellen, ob überbordende administrative Anforderungen und die steigende Zahl der Ablehnung (bei ständig steigender Zahl der Ansuchen unvermeidlich) langfristig gesehen auch die Forschung insgesamt beeinträchtigen kann.

Risikofreudigkeit ist auch in der Wissenschaft wichtig. Demotivierende Ablehnungen können der einen oder dem anderen den Mut zum Risiko nehmen. Um solche Entwicklungen zu verhindern, überlegt man etwa an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien, wie abgelehnte, aber qualitativ hochwertige Anträge als Leistung sichtbar gemacht werden könnten: "Trotz der hohen Ablehnungsraten muss die Institution ja versuchen, die Motivation der Forschenden aufrecht zu erhalten", sagt Maximilian Fochler, der in die Diskussionen eingebunden ist. Andernfalls könnten Universitäten langfristig nicht nur ein Motivations-, sondern auch ein Legitimationsproblem bekommen. Andererseits müssen Forschende heute eben auch mit geringen Erfolgschancen leben lernen.

Auch in diesem Fall gibt es Gewinner. Sie erfahren, was in der Wissenschaftssoziologie als "Matthäus-Effekt" bezeichnet wird. Nämlich, wer mit (finanziellen) Mitteln bereits gut ausgestattet ist, erhält auch mehr. Fochler: "Das wirkt sich auf die Erfolgschancen aus. Je selektiver ein Förderinstrument wird, desto mehr trägt es zur Elitenbildung bei."

Bunter Mix oder Gleichmacherei?

Inwiefern die Heterogenität eines Wissenschaftsfeldes mit seinen unterschiedlichen Fachrichtungen, Zielsetzungen und Methoden mit einer nach europäischem Vorbild sehr stark standardisierten Forschungsförderung zusammengeht (oder auch nicht), thematisiert Manfred Prisching bei der Tagung des Österreichischen Wissenschaftsrats.

Mit Positionen, die als Allheilmittel nach der Hinwendung zur rein von Neugierde getriebenen Wissenschaft rufen, geht er hart ins Gericht. Diese Ideologie ist seiner Meinung nach genauso "Humbug" wie die Gegenposition, nämlich dass "das Ergebnis immer ein Patent oder ein Spin-Off sein muss".

Ob die Forschungsförderung der letzten Jahre tatsächlich zum Hemmschuh für kreative Ideen wurde, ist schwer zu sagen. "A priori" ist das für Fochler nicht der Fall, "hat man beim Verfassen des Förderantrags aber ständig bereits die Kritik der Reviewer im Hinterkopf, könnten die Zugänge braver und angepasster werden".

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige