Kunstdoktoren: Klar Schilf zum Geflecht!

An den heimischen Kunsthochschulen kann auch ein Doktorat erworben werden. Wozu kann das gut sein?

Erich Klein | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Kunst macht das Leben schön, doch sie geht nicht in ihm auf. Eine derart genüsslich kompensatorische Eigenschaft von Kunst war einmal. Und von Zweifeln über ihre gesellschaftliche Relevanz lassen sich die aktuellen Entwicklungen der Künste kaum beirren. Oder doch?

In der Praxis der Kunstausbildung und -erziehung hat man ohnehin andere Probleme. Seit einigen Jahren gibt es an österreichischen Universitäten das künstlerische Doktorratsstudium. Es gibt ihn auch schon, den Dr. artium, kurz - den Kunstdoktor.

Kunstuniversitäten verlieren die Deutungshoheit über Kunst

Gerald Bast, seit fünfzehn Jahren Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, ist einer der Promotoren des künstlerischen Doktorats. Lässt man die universitätspolitischen und administrativen Aspekte beiseite, so steht für Gerald Bast der Begriff der "künstlerischen Wissensproduktion" im Zentrum der ganzen Unternehmung.

Ausgangslage war für Bast die ernüchternde Einsicht, dass Kunstuniversitäten und Akademien seit längerer Zeit kaum mehr genuinen Anteil an der ästhetischen Entwicklung haben. "Was Kunst und deren Innovation betrifft, so wird das andernorts entschieden: Kunstentwicklung ist geradezu exzessiv in den außeruniversitären und privaten Bereich der Künstler ausgelagert."

Damit ist natürlich der Kunstmarkt gemeint, der bestimmt, was Kunst ist. "Liegt die Definitionsmacht allein beim Kunstmarkt, bei Museen und Kunsthäusern, dann bleibt das auch für die Kunst nicht ohne inhaltliche Konsequenzen." Um adäquate künstlerische Antworten auf eine sich permanent wandelnde Gesellschaft zu finden, reiche Vertrauen in die "unsichtbare Hand" des Kunstmarktes allein nicht aus; im Übrigen gelte dasselbe auch für die Gesellschaft insgesamt.

Kunst auf Augenhöhe mit der Wissenschaft

Steht dieser Ansatz nicht im Widerspruch zur künstlerischen Praxis? Sie hat sich seit gut hundert Jahren vor allem durch permanente Negation und radikale Destruktion überkommener ästhetischer Positionen immer wieder aufs Neue herausgebildet. "Damit kann ich leben", sagt Gerald Bast, "das muss ich als künstlerische Manifestation auch akzeptieren. Als Verantwortlicher einer Kunstuniversität muss ich aber trotzdem eine Antwort finden, wie es weitergehen wird."

Gerald Basts Antworten sind "künstlerische Forschung" und das künstlerische Doktorat. "Die heutige Diskussion über das künstlerische Doktorat erinnert ein wenig an die vor hundert Jahren, als man bei der Einführung des technischen Doktorats meinte, wozu sollen die Leute in den Laboren eine Dissertation schreiben. Und stellen Sie sich die Situation vor, wohin wir uns etwa bewegen würden, würden allein chemische Konzerne darüber entscheiden, worüber in der Chemie geforscht wird."

Ungeduldig wird Gerald Bast, wenn Journalisten nicht verstehen, dass es ihm bei der universitären Installation künstlerischer Forschung nicht um institutionelle Selbstbestätigung oder künstlerische Eitelkeit geht, sondern um eine viel grundlegendere Frage: "Die Wissenschaften haben den Begriff der Forschung für ihren Bereich monopolisiert. Ich trete dafür ein, dass Kunst den Wissenschaften wieder auf Augenhöhe begegnet."

Ein Einspruch gegen ein rein künstlerisches Doktorat

Eine gegensätzliche Position in Sachen Kunstdoktor vertritt Elisabeth Freismuth, Rektorin der Kunstuniversität Graz. Sie lehnt das rein künstlerische Doktorratsstudium ab. "Ein Doktorat bescheinigt ja per definitionem eine wissenschaftliche Qualifikation. Und diese ist an eine akademischwissenschaftliche Tradition gebunden, wo Erkenntnisgewinn auf Basis überprüfbarer Methoden erfolgt."

Als Beispiel nennt sie etwa die Dissertation des Sängers Alexander Mayr aus dem Vorjahr. "Das ist für mich ein praktikables Beispiel, in dem etwa ein historischer Gesangsstil sowohl in der Praxis, also künstlerisch experimentell, als auch wissenschaftlich rekonstruiert wurde." Arbeiten wie diese, so Freismuth, "sind für die musikhistorische Forschung und für die Praxis der Interpretation gleichermaßen relevant und in beiden Bereichen durch das Zusammenwirken von Theorie und Praxis gut fundiert."

Ähnliche Beispiele gebe es an der Grazer Kunstuniversität in den Bereichen Komposition, elektronische Musik oder Kirchenmusik, wobei Rektorin Freismuth einschränkend hinzufügt: "Möglicherweise ist das Modell nicht auf jede andere Kunstform gleich gut übertragbar."

Kunstdoktorin auf der Biennale in Venedig

Eva Blimlinger, Rektorin an der Akademie der Bildenden Künste, ist mit dieser Argumentation vertraut, hält sie aber für ein Beispiel höchst "konservativer Sicht auf Kunst"."Wenn es darum geht, ein Instrument zu beherrschen, oder die Ausbildung zum Tenor oder Mezzosopran im Vordergrund steht, dann brauche ich dafür keine Universität."

Blimlinger, leidenschaftliche Befürworterin des rein künstlerischen Doktorats, setzt den Akzent sehr genau: "Beim künstlerischen Doktorat steht eine künstlerische und keine wissenschaftliche Arbeit im Zentrum, nicht im Sinn der wissenschaftlichen, sondern der künstlerischen Forschung." Was für Außenstehende möglicherweise wie Haarspalterei wirkt, liegt in der Natur der Sache, dem längst aufgelösten Begriff von Kunst. Bildende Kunst hat sich auch am Wiener Schillerplatz in viele Sparten aufgefächert, von der traditionellen Malerei bis zu Performance und den diversen Spielarten von Medienkunst. Mit dem bisherigen PhD-in-Practice-Programm habe man, so Eva Blimlinger, gute Erfahrungen gemacht. Die Anzahl an Interessenten und Interessentinnen sei um ein Vielfaches größer, als es die Kapazität der Bildenden zur Betreuung von Doktoranden erlaube.

Überdies gebe es mittlerweile auch erfolgreiche Absolventen wie die albanische Künstlerin Flaka Haliti, die bei der letzten Biennale sehr beachtet wurde. Was die Berufsaussichten künftiger Kunstdoktoren betrifft, so ist Rektorin Blimlinger zuversichtlich: "Wie sich herausstellt, handelt es sich um Personen, die am Kunstmarkt durchaus erfolgreich sind. Aber es geht nicht nur darum, am Kunstmarkt anzudocken. Es gibt zahlreiche Betätigungsfelder: Kunst im öffentlichen Raum, Projekte aller Art, die von Museen, von Kunsthallen und diversen anderen Institutionen gefördert werden. Und da ist auch der Bereich des Kuratorischen."

Die anderen haben längst künstlerische Doktorate

Bei all dem ist ohnedies daran zu erinnern, dass die Einführung des künstlerischen Doktorats in Österreich auch einen Aufholprozess darstellt. An Kunstschulen von der University of Oxford über die entsprechenden Institutionen in Helsinki, Yale oder Melbourne gibt es die Einrichtung längst.

Am Schillerplatz, wo intern durchaus divergierende Positionen diskutiert werden, hat der Senat mittlerweile eine Kommission eingesetzt, um die Curricula für die künftige reine künstlerische Dissertation auszuarbeiten.

"Ich würde sagen, an der Akademie findet eine offene Diskussion statt", so Rektorin Blimlinger. "Ich finde diesen Prozess äußerst spannend, ganz offen anzufangen und zu schauen, was dabei herauskommt."

Wie meinte Otto Neurath seinerzeit: "Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können." Künstlerisch und mit Hermann Schürrer gesprochen: Klar Schilf zum Geflecht!

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