Ideale Forschungsstrukturen für Österreich

Trotz aktueller Rekordausgaben für Forschung macht sich unter Österreichs Wissenschaftern keine Jubelstimmung breit. Warum?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Das perfekte Forschungsumfeld braucht Freiräume, um auch um die Ecke denken und ungewöhnliche Projekte angehen zu können", sagt Sibylle Baumbach, Anglistin an der Universität Innsbruck.

Um diese Freiräume herzustellen, ist ein Prozess nötig, der unterschiedlichste Bereiche berührt: Finanzierung, Anstellungsverhältnisse, die Organisation von Forschung und politische Rahmenbedingungen. Fast alle in der Wissenschafts-Community beklagen die Unterfinanzierung der Forschung. Doch die Einigkeit endet bei der Frage, wie zusätzliche Mittel verwendet werden sollen. Vor allem zwischen Naturwissenschaften und Technik auf der einen sowie Sozial-, Geistes-und Kulturwissenschaften auf der anderen Seite bestehen widersprüchliche Ansichten.

Fehlende Förderung für internationale Spitzenforschung

Peter Zoller, Physiker an der Universität Innsbruck, wünscht sich eine Exzellenz-Initiative, um an die "goldenen Jahre" der Forschungsförderung anschließen zu können. "Die Frage ist, ob Österreich eine Wissenschafts- und Forschungspolitik sowie -förderung betreiben kann, die den klügsten Köpfen notwendige und attraktive Rahmenbedingungen bietet, um hier ihre Karriere zu verfolgen und Physik zu betreiben. Geld mag ein Faktor sein. Aber zu einem guten Teil fehlt der politische Wille, sich von der Gießkannenpolitik und dem Kleinkleindenken, wo alle am Ende praktisch nichts bekommen, zu verabschieden."

Vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Informatik, Lebenswissenschaften und Physik ist Österreich mittlerweile so attraktiv, dass Forschende gerne hierher kommen würden. Häufig fehlen aber die Mittel, um entsprechende Stellen anbieten zu können. Das stagnierende Budget des Wissenschaftsförderungsfonds FWF führte im Vorjahr zur Aussetzung der Schwerpunkt- und Doktoratsprogramme. Auch sinkt aufgrund der steigenden Anzahl von Anträgen die Bewilligungsquote: Vier von fünf Projekten müssen aus Geldmangel abgelehnt werden. Darunter sind auch Projekte, die international begutachtet und für sehr gut befunden wurden. Um die Bewilligungsquote für die nächsten drei Jahre stabil zu halten, bräuchte es 257 Millionen Euro. Um einen Aufholprozess zu starten, noch mehr.

Die Machtverhältnisse an heimischen Universitäten

In den Geistes-und Sozialwissenschaften dagegen ist von Exzellenz nur selten die Rede. Das liegt zum einen daran, dass es hier schwieriger ist, Kriterien für exzellente Forschung zu definieren. Zum anderen am hohen Stellenwert der Grundfinanzierung von Lehre und Forschung über die Universitäten.

Forschung in Technik und Naturwissenschaften ist stärker drittmittelorientiert. Das bedeutet außeruniversitäres Geld für die Forschung zu lukrieren, etwa vom FWF. Rund 40 Prozent der von ihm geförderten Projekte stammen aus diesem Bereich, ebenso viele entfallen auf Biologie und Medizin. Die verbleibenden 20 Prozent teilen sich Geistes-und Sozialwissenschaften. Daher kommt bei ihnen der ausreichenden Budgetierung von universitären Einrichtungen besondere Bedeutung zu. Österreich befindet sich, gemessen an der Forschungsquote, im europäischen Spitzenfeld. Doch die Ausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt BIP liegen für den universitären Bereich unter dem OECD-Schnitt.

Die starke Bindung sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung an die Universitäten rückt neben der Budgetierung der Unis auch die Reform ihrer Organisationsstrukturen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Universitäten im deutschsprachigen Raum werden durch ein Kuriensystem geprägt und stark hierarchisiert. Es unterscheidet zwischen ordentlichen Professuren und Mittelbau: Das sind außerordentliche Professuren, LektorInnen, Studien-AssistentInnen, wissenschaftliche MitarbeiterInnen, usw.

Das Kuriensystem bietet faktisch eine sehr geringe Durchlässigkeit für Frauen: Ihr Anteil im Mittelbau beträgt rund 40 Prozent, in der Kurie der ordentlichen ProfessorInnen etwa 20 Prozent. Den rund 2.400 ordentlichen Professuren (im Studienjahr 2013/2014) stehen vierzehnmal mehr Beschäftigte im Mittelbau gegenüber. Viele davon arbeiten in befristeten und Teilzeitstellen. Eine ordentliche Professur ist mit Mitbestimmungsrechten an der Fakultät und den Instituten sowie Forschungsfinanzierung und Personal ausgestattet. Das macht die kleinste Kurie zur mächtigsten an einer Universität.

Die Alternative zum bestehenden Kurienmodell an Universitäten

Als Alternative gilt das Faculty-Modell. Bei diesem sollen, wenn es nach Anna Babka geht, anders als bisher alle Lehrenden im Postdoc-Bereich gleichberechtigt an der Entwicklung der Universität und ihrer Subeinheiten mitwirken. Babka ist Germanistin an der Universität Wien und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Universitäre Karriereplanung.

In Kombination mit dem Tenure-Track-Modell, also einem akademischen Karrieremodell, bei dem Lehrende schließlich eine Vollprofessur erreichen, würde das Faculty-Modell auch die Beschäftigungsverhältnisse an den Universitäten maßgebend umgestalten. "Damit würde weniger Geld an einzelne Lehrstühle und Ordinarien fließen", sagt Babka. "Statt persönlicher Assistenten gäbe es einen Pool von StudienassistentInnen sowie Prä- und Post-Doktoranden. Sie könnten neben ihrer eigenständigen Arbeit die ProfessorInnen projektbezogen unterstützen. Alle Stellen wären mit einem kleinem Budget versehen, um autonomer forschen zu können."

Eine umfassende Umsetzung des Faculty-Modells im Rahmen der letzten UG-Novelle vom Oktober dieses Jahres scheiterte vor allem am Widerstand des UniversitätsprofessorInnenverbands.

In der Schweiz wird der Forschungsnachwuchs weniger

Die Reform sollte eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse vieler Wissenschaftstreibender bringen. Die Zahl atypisch Beschäftigter ist vor allem unter den Jungen vergleichsweise hoch. Die vielen befristeten Stellen seien mehr problematisch denn motivierend, meint die Anglistin Baumbach: "Der ständige Druck, sich um die nächste Stelle, den nächsten Förderungsantrag, die nächste Finanzierung bemühen zu müssen, erweist sich als sehr hinderlich beim Versuch, sich jene Freiräume zu schaffen, die innovative Forschung braucht."

Anna Babka, die selbst lange in befristeten Forschungsprojekten tätig war, beschreibt den Effekt ihrer Festanstellung als assoziierte Professorin folgendermaßen: "Ich würde sagen, meine Motivation ist deutlich höher, weil meine Bindung an die Universität nun stärker ist. Es macht einfach einen Unterschied, ob man sich denkt, in drei Jahren muss ich dann eh wieder weg, oder ob man wirklich die Chance hat, etwas langfristig mit zu entwickeln."

In der Schweiz nimmt die Anzahl des wissenschaftlichen Nachwuchses mittlerweile ab. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist der späte Zeitpunkt der Entscheidung darüber, ob eine Forschungskarriere gelingen wird. Das senkt die Attraktivität einer möglichen Karriere. Der Flaschenhals beginnt sich in der Postdoc-Phase zu verengen. "Im Moment ist es so, dass es sich erst zwischen Ende 30 bis Mitte 40 herauskristallisiert, ob man fix dabei ist und auch längerfristig davon leben wird können", sagt Babka.

Über die Aufnahmen ins akademische System entscheide meist ein einzelner Insider, behauptet Christian Fleck, Soziologe an der Universität Graz: "Die, die drinnen sind, tun sich aber oft schwer zu erkennen, wer gut ist und irren sich häufig. Dass sich Menschen irren, kann man ihnen nicht vorwerfen. Dass Irrtümer Einzelner nicht korrigiert werden, ist jedoch problematisch", gibt Fleck zu bedenken.

Gerade wenn Stellen in "einem Zwei- Personen-Spiel" vergeben werden, käme die Korrektur einer Fehlbesetzung dem Eingeständnis eines persönlichen Fehlers gleich. Fleck wünscht sich daher einen gezielteren Umgang mit Ressourcen. Dazu müsse auch gehören, Wissenschaftstreibende zu entlassen.

Mehr Nachwuchs bedeutet auch mehr Probleme

Erfolgreiche Forschung braucht genügend Nachwuchs. Das führt zunächst zu einem Paradox: Mehr junge Menschen an den Universitäten, vor allem als Studierende, bedeuten eine Zuspitzung der Ressourcensituation und fordert die Einheit von Forschung und Lehre heraus. Zwischen 2002 und 2014 stieg die Zahl der Studierenden an Österreichs Universitäten um fast 100.00 auf knapp 280.000. Dazu kommt die Implementierung der Bologna-Richtlinien. Sie verursacht laut einer Studie der deutschen Hochschulrektorenkonferenz einen erhöhten Betreuungsaufwand - zumindest behauptet das die Hälfte der befragten Lehrenden. Ähnliches lässt sich wohl auch für Österreichs Universitäten annehmen.

Um die erhöhte Lehrbelastung zu bewältigen, schuf man in Deutschland "Lehrprofessuren". Sie sehen nur eine sehr geringe Forschungstätigkeit vor. Hierzulande entschied man sich gegen eine solche Anstellungsform. "Es gibt jedoch Professuren, oft befristete, die letzten Endes so gehandhabt werden", erklärt Babka. "Einfach, weil es keine Ausstattung und keine AssistentInnen gibt. Es besteht die Gefahr, dass viele der neu geschaffenen assoziierten Professuren zu solchen Lehrprofessuren 'verkommen'."

Ob dadurch die Einheit von Forschung und Lehre kompromittiert wird, lässt sich nur fallweise prüfen. Viele Lehrende forschen auch außerhalb ihres Dienstverhältnisses. Die Lehrprofessuren schaffen aber eine weitere Differenzierung und Hierarchisierung innerhalb des Lehrpersonals - in Deutschland spricht man auch von Professuren zweiter Klasse. Lehr- und Forschungstätigkeit zu trennen, hält Sibylle Baumbach nicht für ratsam: "Die Einheit von Forschung und Lehre muss gegeben sein." Nur so sei sichergestellt, dass man Studierenden eine zeitgemäße und aktuelle Lehre bieten könne.

Wie man zu Stellen für Dissertierende kommt

Um aus Studierenden ForscherInnen zu machen, braucht es ein zeitgemäßes Doktorat. Dissertationen, die nur wegen des Titels auf einer Visitenkarte verfasst werden, seien ein großes Problem in Österreich, meint der Soziologe Christian Fleck. Die fehlende materielle Versorgung der Dissertierenden ein anderes. "Wenn man nicht von einem Insider an eine Stelle für Dissertierende aufgenommen wurde, braucht man reiche Eltern, um sich das leisten zu können."

Fleck wünscht sich Rahmenbedingungen, die es erlauben, die besten Dissertierenden anhand transparenter Kriterien auszuwählen und diese dann in bezahlten Stellen weiter auszubilden. In Naturwissenschaften und Technik ist das bereits mehrheitlich der Fall. Finanziert werden diese Posten häufig über Drittmittel.

Studierende sollen auch voneinander lernen können. Dazu sei eine kritische Masse nötig, wie sie etwa ein Graduiertenzentrum ermöglicht, meint Fleck. Beispiele dafür finden sich vor allem in den "exzellenten" Naturwissenschaften, wie am Institute of Science and Technology IST Austria oder dem Institut für Quantenoptik und Quanteninformation IQOQI, an dem Zoller als wissenschaftlicher Direktor tätig ist. Die Einheit von Forschung und Lehre wird durch den hohen Stellenwert der Lehre und Einbindung der Studierenden am Institut sichergestellt.

Förderung von Großprojekten oder einzelnen Personen?

Ob Naturwissenschaft und Technik oder Geistes-und Kulturwissenschaften, mit den Auswirkungen der Internationalisierung der Forschung sind alle Disziplinen konfrontiert. Tendenziell nehmen dadurch die Größe von Forschungsprojekten und damit der Aufwand für die Koordination und Verwaltung der Projekte sowie das Bewerbungsprozedere zu.

"Bei europäischen Großprojekten ist es heute kaum mehr möglich, einen Antrag allein zu schreiben", erklärt Daniela Berg, Neurologin an der Universität Tübingen. "Als einzelne Wissenschafterin kann man das gar nicht stemmen." Wer die Zeit zum Forschen nutzen will, benötigt zusätzliche Ressourcen, um administrative Tätigkeiten auslagern zu können. Daher betreiben größere Institutionen bereits Schreibwerkstätten, um Antragsstellung und Berichtswesen zu bewältigen. Die Abwicklung der Projekte selbst ist zu einer komplexen Herausforderung geworden. Das hat ein eigenes Berufsbild entstehen lassen, das Research-Management.

Mit der Größe von Projekten steigt auch die Notwendigkeit, Forschungsziele und -gebiete präzise zu definieren. Nur so ist die Patchwork-Zusammenarbeit unterschiedlicher Forschungsträger möglich. Die Anglistin von der Universität Innsbruck, Sibylle Baumbach, meint, dies könne die Spontanität von Forschung einschränken.

"Sieht man sich an, wo die wirklich großen Erkenntnisgewinne erzielt wurden, waren das häufig Forschungsprojekte, die nicht als große Themen gefördert und oft sogar als ein bisschen verrückt abgetan wurden", sagt Baumbach. Sie wünscht sich einen Ausbau personenbezogener Förderung, um unbürokratischer und experimentierfreudiger agieren zu können.

Berg spricht sich für einen Mix aus kleinen und großen sowie orthodoxen und risikoreichen Forschungsvorhaben aus: "Es macht Sinn, bewährte Wege zu institutionalisieren, um über diese zu weiteren Ergebnissen zu gelangen. Es muss aber auch Raum für andere Strategien und Querdenker geben."

Wie sich solch unterschiedliche Herangehensweisen und Größenordnungen zusammenführen lassen, erklärt sie anhand des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung, an dem sie tätig ist. Es ist als Department organisiert, das sich wiederum in Abteilungen und Arbeitsgruppen untergliedert.

Das Modell stellt sicher, dass es unter dem Dach der Neurologie gemeinsame Forschungsschwerpunkte gibt, und gleichzeitig in kleineren Projekten geforscht werden kann, entweder im Haus oder im Rahmen internationaler Kooperationen.

Der Wille zu mehr Wissenschaftsförderung

Als größtes Manko der österreichischen Forschungsinfrastruktur gilt vielen ihre politische Steuerung. Die Forschungsförderung ist unterdotiert, behaupten Wissenschaftstreibende, was die Umsetzung auch guter Projekte verhindere. Die Universitäten bräuchten eine moderne Struktur, um sich besser an den spezifischen Bedürfnissen der Disziplinen und den neuen, internationalisierten Formen der Forschung ausrichten zu können. Darunter falle auch die Etablierung eines zeitgemäßen Doktorats. Die verabschiedete Novelle des UG enthält Detailverbesserungen. Vielen gilt sie aber nicht als der notwendige große und mutige Schritt.

Die Bundesregierung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt. Die Forschungsquote soll bis 2020 auf 3,76 Prozent und die Ausgaben für den universitären Bildungsbereich auf zwei Prozent des BIP steigen. Das bedeutet vier Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Des Weiteren sollen 2.500 zusätzlichen Doktorats- und Postdoc-Stellen geschaffen werden.

Das Geld allein kann aber die Wünsche nach einer neuen österreichischen Forschungsinfrastruktur nicht befriedigen. Dazu sind die Vorstellungen, wie diese aussehen könnte, unter den Wissenschaftstreibenden selbst zu widersprüchlich. Die Umsetzung der Ziele könnte aber einen Freiraum entstehen lassen, der es vielen Beteiligten erlaubt, ihre jeweils eigenen Vorstellungen von idealen Forschungsstrukturen zu verwirklichen.

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