Haidingers Hort der Wissenschaft

Verachtet mir den Meister nicht!

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

Martin Haidinger | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Ich weiß schon, dass "Haidingers Hort der Wissenschaft" keine kommerzielle Kolumne ist. Trotzdem sei mir eine kleine Werbeeinschaltung gestattet, und zwar für Meister Alexander Profous. Er ist einer der letzten Säckler in Österreich. Aus Leder schafft er Wunderwerke, die Menschen mehr oder weniger nahe am Körper tragen: die neuerdings wieder modernen Lederhosen etwa, oder die hautengen Reithosen.

Schon Profous' Gewölbe in der Grünangergasse im Herzen Wiens wirkt wie eine Mixtur aus Werkstatt und Laboratorium. Das ist mehr als "nur" Handanlegen an einen Rohstoff - es steckt viel Know-how in der Arbeit mit Leder. Dabei verändert und erweitert sich das Wissen ständig.

Für mich ist das Geheimnis der individuellen Lederhosenherstellung eine Wissenschaft. Und da sind wir beim Punkt!

In Österreich und in Europa arbeiten politische Verantwortliche gemäß einer EU-Agenda zur Hebung der Akademikerquote an der "Akademisierung" der Gesellschaft. Darüber droht das oft so bezeichnete "gute, alte Handwerk" an Bedeutung zu verlieren. Und wer ist schuld? Die alten Griechen!

Seit der griechisch-antiken Philosophie steht nämlich das Handwerk in der Rangfolge der Wertschätzung weit unter der viel "edleren" reinen Theorie. Es wirkt das Vorurteil, dass der Handwerker angeblich nichts zur theoriefähigen Erkenntnis beiträgt, beitragen kann. In den meisten modernen Gesellschaften gilt ein Schreibtischtäter mehr als ein Praktiker, genießt der Physiker mehr Ansehen als der Ingenieur, und dieser wieder mehr als der Handwerker.

Der Marburger Professor für theoretische Philosophie, Peter Janich, macht in seinem neuen Buch "Handwerk und Mundwerk" die Gegenrechnung auf. Es ist eine Ehrenrettung des Handwerks, das als Grundlage wichtiger Wissenschaften die verbreitete Geringschätzung nicht verdiene, sagt der Professor.

Ein philosophischer Blick auf die Fächer Geometrie, Physik, Chemie, Lebensund Kommunikationswissenschaft zeigt, dass diese ihre Gegenstände handwerklicher Herstellung verdanken. Mehr noch, die zweckmäßige Reihenfolge von Schritten im Herstellen gibt dem "Mundwerk", also der logischen Begriffs-und Theoriebildung, eine eigene Rationalität. Der technische Erfolg der modernen Naturwissenschaften ist ohne das gute Funktionieren handwerklicher Produkte nicht denkbar.

Ehrt mir deshalb die Kunst von Meister Profous und all jenen, die einer edlen Zunft angehören!

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