Freistetters Freibrief

Welche Sprache?

Florian Freistetter | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Wissenschaft ist kompliziert. Vor allem die Naturwissenschaft, mit ihrer auf Mathematik basierender Methodik. Wissenschaft ist hoch spezialisiert, verwendet ihren eigenen Jargon, und wer sich nicht jahrelang mit einem Fachgebiet beschäftigt hat, hat wenig Chancen, das zu verstehen, was die Forscher treiben.

Trotzdem ist es wichtig, dass die Gesellschaft von der Arbeit der Wissenschafter erfährt. Sie ist es, die einen Großteil der Forschung finanziert, und sie ist es, die früher oder später von ihren Ergebnissen profitiert oder sonstwie von ihnen betroffen ist. Wissenschaft braucht Wissenschaftskommunikation. Doch die Sprache der Wissenschaft kann nicht die Sprache sein, mit der sie der Öffentlichkeit vermittelt wird.

Das ist eine Erkenntnis, die umzusetzen vielen Forschern schwer fällt. Aussagen und Beschreibungen zu vereinfachen steht im krassen Widerspruch zur wissenschaftlichen Methodik. Wenn Forscher mit der Öffentlichkeit über ihre Arbeit sprechen, fällt es ihnen oft schwer, sich umzustellen. Sie sind es eben gewohnt, so exakt wie möglich zu sein. Diese Haltung, die der Mikrobiologe und Lehrer Tyler DeWitt die "Tyrannei der Präzision" nennt, ist einer guten Wissenschaftskommunikation hinderlich.

Natürlich soll man der Öffentlichkeit nichts Falsches erzählen. Aber man darf die Dinge vereinfachen. Sogar sehr stark -denn die Öffentlichkeit muss Forschung ja gar nicht auf einem grundlegenden Niveau verstehen. Trotzdem verzetteln sich Wissenschafter in Interviews immer wieder in Details, die zwar für die Forschung wichtig, aber für die Öffentlichkeit irrelevant sind. Der Satz "Die Erde ist eine Kugel" ist beispielsweise falsch. Die Form der Erde ist komplex, und sie zu beschreiben eine eigene wissenschaftliche Disziplin. In den allermeisten Fällen sind diese Details aber irrelevant für die Vermittlung dessen, was eigentlich wichtig ist. Die Erde als "rund" zu bezeichnen ist zwar auch falsch, aber im Sinne der Kommunikation notwendig, um das vermitteln zu können, worum es eigentlich geht: Die Erde ist kein Würfel.

Wissenschafter müssen lernen, sich der "Tyrannei der Präzision" zu entziehen, wenn sie für die Öffentlichkeit verständlich sein wollen.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige