Stetiger Fortschritt, aber kein Riesensprung

Was wäre für die medizinische Forschung ideal? Wir sprachen dazu mit Rektor Reto Weiler

Dieter Hönig | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Falter Heureka: Herr Weiler, welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche medizinische Forschung?

Reto Weiler: Medizinische Forschung setzt entsprechende Persönlichkeiten, also Köpfe, voraus. Diese sollten über eine entsprechende Ausbildung verfügen, verbunden mit Neugierde und dem Willen, sich selbst immerfort Fragen zu stellen und auch Antworten zu finden. Sie müssen in einer forschungsfreundlichen Umgebung arbeiten können, die sowohl technische, methodische als auch personelle Ressourcen zur Verfügung stellt. Gerade in der medizinischen Forschung sind das meist kostenintensive Strukturen, die ständig den Entwicklungen angepasst werden müssen. Reden wir von klinischer Forschung, kommen selbstverständlich die klinischen Voraussetzungen dazu. Das bedeutet eine enge Verzahnung von Klinikbett und Forschungslabor, idealerweise ein medizinischer Campus der besten Köpfe.

Bietet eine autonomen MedUni Vorteile in puncto Forschung?

Weiler: Die Einrichtung eigenständiger MedUnis ist auch zur Vermeidung von Verteilungskonflikten innerhalb der Universitäten erfolgt und weniger zur Verbesserung der Forschung. Es spielt für die Forschung keine so große Rolle, ob eine autonome Med-Uni oder eine Medizinische Fakultät dahinter steht. Weltweit wird herausragende Forschung in beiden Strukturen betrieben. Ein medizinischer Forschungscampus, wie oben beschrieben, setzt neben den klinischen Versorgungsmöglichkeiten selbstverständlich die Koexistenz vieler wissenschaftlicher Disziplinen voraus und darüber hinaus geeignete Strukturen für die Nachwuchsförderung. Ein solcher Campus wird nie klein sein. Wieweit seine Steuerung innerhalb einer eigenen Universität oder als Teil einer Universität erfolgt, hängt vor allem von den Governance Strukturen ab.

Was waren in der medizinischen Forschung die größten Innovationen der letzten Jahre?

Weiler: Die Frage ist schwer zu beantworten, da die Einschätzung sehr stark von der Perspektive abhängt. Sind etwa medikamentöse oder chirurgische Innovationen gemeint? Für die westliche Welt mag die Entdeckung einer neuen Klasse von Cholesterinhemmern bedeutend sein. Für die afrikanische und asiatische Welt die Herstellung einer neuen Gruppe von Antikörpern gegen Malaria. Im chirurgischen Bereich ist die Weiterentwicklung minimal invasiver Operationstechniken genauso bedeutend, wie es in der Vorsorge neue Diagnosetechniken sind. Grundsätzlich gilt, dass gegenwärtig auf vielen Gebieten ein stetiger Fortschritt erzielt wird. Dass dies nicht in Riesensprüngen geschieht, liegt u.a. an den aufwendigen und langwierigen Zulassungsverfahren. Sie führen zwangsläufig zu Zeitverzögerungen zwischen Erkenntnissen der Grundlagenforschung und ihrer Anwendung.

Hier sprechen Sie die Translational Medicine an. Wer sollte idealerweise diese Aufgabe übernehmen?

Weiler: Im Idealfall ist diese Aufgabe in einen medizinischen Campus integriert. Die Übergänge zwischen einer medizinischen Grundlagenforschung und ihrer Anwendung im klinischen Alltag sind fließend und nicht ein linearer Prozess, sodass eine enge Verzahnung von Vorteil ist.

Reto Weiler, Rektor der Medizinischen Universität Oldenburg und Mitglied des Wissenschaftsrats

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