Wissenschaft hat eine eigene Logik

Man kann sie nicht organisieren wie ein Unternehmen oder ein Parlament, sagt die badenwürttem bergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer

Hanna Biller | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Theresia Bauer, seit 2011 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, wurde 2015 von den Mitgliedern des Deutschen Hochschulverbandes zum zweiten Mal zur Wissenschaftsministerin des Jahres gewählt.

Falter Heureka: Auf Ihrer Facebook- Seite steht:,Forschung heißt im Idealfall die Welt verbessern.' Wie häufig wird dieses Ziel heute erreicht?

Theresia Bauer: Ich glaube jeden Tag neu. Wobei es nur manchmal große Durchbrüche sind, die wirklich erkennbar und schnell die Welt verändern. Meistens jedoch sind es viele kleine Schritte, Entdeckungen, neue Sichtweisen, auf die es ankommt. Das ist in der Wissenschaft nicht anders als in der Politik. Auch dort gibt es nicht den einen Hebel, mit dem man alles bewegen kann, sondern viele kleine Stellschrauben.

Was muss die Politik tun, damit das Potenzial, die Welt durch Forschung zu verbessern, ausgeschöpft werden kann?

Bauer: Man muss der Wissenschaft den Raum geben, in dem sie ihre Eigenlogik entfalten kann. Man kann sie nicht organisieren wie ein Unternehmen, auch nicht wie ein Parlament, da Wissenschaft eine eigene Logik hat und eine eigene Struktur braucht. Deswegen ist mir wichtig, dass sie entsprechende Freiräume bekommt. Insbesonders junge Menschen in Forschung und Wissenschaft brauchen Freiräume, um Fragestellungen jenseits der schon beschrittenen Pfade erarbeiten zu können. Damit sie den Mut haben können, auch etwas zu riskieren, vielleicht mit einer Idee auch einmal zu scheitern, denn nur dann kommt man zu den wirklichen Durchbrüchen.

Denken Sie, dass diese Freiräume trotz befristeter Prädoc-und Postdoc-Stellen gegeben sind?

Bauer: Insbesonders für junge Wissenschaftstreibende sind die Bedingungen nicht ideal. Verunsicherung wegen kurzzeitig befristeter Verträge schafft sicher kein Umfeld, das inspiriert, kreativ zu agieren. Wissenschaft im Beamtenverhältnis halte ich aber auch nicht für ideal. Es braucht die richtige Balance. Wir arbeiten an vielfältigen Reformen, um den Jungen mehr Perspektive und Verlässlichkeit zu geben. Dennoch gehört für den Nachwuchs auch die Tatsache dazu, dass eben nicht alle mit Promotion oder Postdoc-Stelle im System bleiben können. Die Phase dazwischen soll fairer gestaltet werden und die Entscheidung, ob es eine Option in der Wissenschaft gibt, früher getroffen werden können.

Wie sehen diese Reformen aus?

Bauer: Wir haben in Baden-Württemberg das finanzielle Fundament der Hochschulen verbessert und dafür gesorgt, dass ein deutlich höherer Anteil in die Grundfinanzierung fließt. Auf dieser Basis können erstmals seit vielen Jahren wieder Dauerstellen entstehen. Durch unsere Finanzreform und den Hochschulfinanzierungsvertrag ,Perspektive 2020' können unsere Hochschulen im Zeitraum von sechs Jahren 3.800 zusätzliche Dauerstellen schaffen. Das sind nicht alles neue Stellen, sondern zum Teil auch befristete, die jetzt aber entfristet werden können.

Eine andere Maßnahme ist, dass wir für junge Professuren, Junior-Professuren, wie sie in Deutschland heißen, ein besseres Format schaffen, sowohl über bessere Bezahlung als auch verlässlichere Anschlussperspektiven durch den Tenure-Track.

Allerdings kann es ja auch nur eine begrenzte Anzahl an Junior-Professuren geben. Wie viele sollen das im Verhältnis zur Zahl der Postdoc-Stellen sein?

Bauer: Derzeit überlassen wir es den Hochschulen selbst, wie viele Stellen sie aus dem zusätzlichen Geld entwickeln. Zuerst einmal wurden viele Verwaltungsstellen, Technik-und Bibliotheksstellen entfristet, die trotz Daueraufgaben oftmals befristet und nicht fair ausgestattet waren. Im nächsten Schritt werden wir sehen, wie viele wissenschaftliche Stellen aus diesem Programm geschaffen werden. Derzeit wird auch ein bundesweites Programm erarbeitet, mit dem man spürbar die Professuren in allen Bundesländern ausbauen kann. Dafür sollen eine Milliarde Euro innerhalb von zehn Jahren in Tenure-Track-Professuren investiert werden.

Wie schätzen Sie die Exzellenzinitiative ein? Derzeit wird ja über ein Nachfolgeformat für die nächsten zehn Jahre nach 2017 diskutiert.

Bauer: Meine persönliche Bilanz nach zehn Jahren ist, dass sich diese Initiative ausgezahlt hat. Universitäten sind in ihrer Forschungsfähigkeit erkennbar unterstützt worden.

Was können Sie der Kritik an dieser Initiative, z.B. die Verknüpfung von Forschung und ökonomischer Verwertbarkeit, oder dem dadurch wachsenden Unterschied zwischen wenigen Elite- und vielen anderen Universitäten entgegenhalten?

Bauer: Von dem Begriff Eliteuniversität halte ich gar nichts. Das klingt zu zementiert und abgeschottet. Ich rede lieber von Exzellenzuniversitäten. Denn der Exzellenzwettbewerb hat ja eine gewisse Beweglichkeit, man kann aufsteigen, man kann aber auch wieder absteigen -je nach Exzellenz und Leistung. Und an der Spitze haben sich eben nicht ein paar wenige herauskristallisiert, sondern eine relativ breite Spitzengruppe von zehn bis 15 Universitäten. Man muss sich Spitze und Exzellenz also immer wieder neu erarbeiten. Ein ermutigendes Signal für die, die noch dazustoßen können. Die Kritik, dass der Fokus zu sehr auf ökonomischer Verwertbarkeit liege, teile ich auch nicht. Die Exzellenzinitiative hat auch die Grundlagenforschung gestärkt und wichtige sozial-und geisteswissenschaftliche Impulse setzen können. Sie hat zudem ermöglicht, auch riskantere und mutigere sowie inter- und transdisziplinäre Vorhaben zu konzipieren und umzusetzen.

Bei uns wurde im Jahr 2013 das Wissenschafts-und Forschungsministerium mit dem Wirtschaftsministerium zusammengelegt. Was halten Sie von dieser Fusion?

Bauer: Das mag seine Gründe gehabt haben, die ich im Einzelnen nicht kenne und nicht bewerten will. Wir in Baden-Württemberg haben Wissenschaft, Forschung und Kunst zusammengelegt, die Ressorts und Bereiche der Gesellschaft, die in einer besonderen Weise von diesem Freiheits-und Freiraumgedanken leben, den ich eingangs erwähnt habe. Bereiche, die ich als Kraftquellen für die Erneuerungsfähigkeit, vielleicht auch die Widerstandsfähigkeit und den Widerspruchsgeist einer Gesellschaft sehe. Ohne Zweifel ergeben sich auch in anderen Kombinationen Schnittmengen, die man produktiv gestalten kann. Man sollte allerdings nicht glauben, dass man deshalb Wissenschaft und Wirtschaft in derselben Logik organisieren kann. Das sind meines Erachtens getrennte Sphären mit anderen inneren Antrieben. Die Suche nach Erkenntnis oder nach Wahrheit ist etwas völlig anderes als die Suche danach, wie ich ein Produkt oder eine Technologie erfolgreich am Markt platzieren kann.

Wie nehmen Sie eigentlich Österreich als Forschungsstandort wahr?

Bauer: Sehr positiv. Aus meiner Sicht tut Österreich viel dafür, zusätzliche Ressourcen in sein Forschungs- und Hochschulsystem zu stecken. Es wird erkennbar Priorität auf Wissenschaft gelegt, das halte ich für klug. Das hat deutliche Wachstumsprozesse ausgelöst und eine sehr interessante Debatte darüber angestoßen, wie Leistungsanreize gesetzt werden können.

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