Kommentar

Die Köpfe im Großwissenschaftsbetrieb

Jürgen Mittelstrass | aus HEUREKA 6/15 vom 25.11.2015

Wissenschaft sucht das Neue, das neue Wissen. Der Weg, auf dem dieses erreicht wird, ist die Forschung. Deren Kern wiederum ist die Grundlagenforschung. In ihr werden theoretische Einsichten gewonnen, die die Wissenschaft selbst verändern, und die wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, neue theoretische Einsichten in anwendungsfähiges Wissen zu verwandeln. In der Grundlagenforschung entsteht im freien Spiel der Wissenschaft das wissenschaftlich Neue, mit dem zugleich die Grundlagen für das gesellschaftlich Neue, etwa das technisch Neue, gelegt werden.

Dabei gehen die alten Gleichungen Grundlagenforschung gleich Wissenschaft, angewandte Forschung gleich Wirtschaft nicht mehr auf. Auch was sich heute Grundlagenforschung nennt, ist häufig anwendungsorientiert, zumindest anwendungsoffen. Was als angewandte Forschung bezeichnet wird, ist oft grundlagenorientiert. Etwa wenn sie der Grundlagenforschung neue Nachweis- und Experimentiertechniken zur Verfügung stellt. So ergibt sich auf jeder Stufe von Forschung, Anwendung und Entwicklung die Frage nach dem Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Forschung ständig neu.

Auch der Forschungsbegriff hat sich verändert. Aus der Gemeinschaft individueller Forscher ist die Forschung, aus forschender Wahrheitssuche Einzelner ist Forschung zum Betrieb geworden, hinter dem der Wissenschafter selbst mehr und mehr verschwindet. Die moderne Vorliebe für Schwerpunkte, Zentren, Cluster, Allianzen, Netzwerke ist Ausdruck dieses Wandels. Aus Köpfen werden Strukturen.

In der Tat erweisen sich in vielen Forschungszusammenhängen größere Organisationsformen als notwendig. Elementarteilchenphysik kann nicht in den üblichen Unilaboren betrieben werden. Aber ist das schon die ganze Wahrheit? Müssen wir alle zu "Großforschern" werden, um zu neuen Ergebnissen zu kommen und den Wettbewerb, der immer härter und anspruchsvoller wird, zu bestehen? Man muß nicht gleich die Geisteswissenschaften bemühen, die oft auf höchst individuellen Wegen ihrer Arbeit nachgehen, um zu sehen, dass Größe nicht alles ist. Auch in anderen Feldern kann die Wissenschaft auf die besondere Leistung Einzelner nicht verzichten. Der Forschungsfunke zündet nicht nur in der Anonymität großer Forschungsagglomerationen. Es kommt eben noch immer auf die Köpfe und weit weniger auf die Strukturen an.

Jürgen Mittelstraß

Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates

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