Wissenschaftsschiff oder Kinderuni?

Es gibt bereits praktische Formen der Wissenskooperation - Vorläufer von Open Innovation

Text: Sonja Burger | aus HEUREKA 1/16 vom 06.04.2016

Am Gelände des Münchener Flug hafens steht eine markante, rote Skulptur des deutschen Bildhauers Wilhelm L. Holderied. Auf den ersten Blick hat sie mit dem You-Tube-Star Michael Stevens nichts gemeinsam. Beide lassen sich jedoch auf dasselbe Gedankenexperiment ein und fragen: Wie viel wiegt ein Schatten?

Während Holderied mit der Skulptur "Das Gewicht der Schatten" eine künstlerische Antwort gibt, will Stevens auf seinem YouTube-Kanal "Vsauce" andere ermutigen, ebenfalls neugierig zu sein. Er betreibt mehrere Kanäle unter diesem Namen, aber alle befassen sich mit Wissenschaft und Technik. Seit dem Start des "Hauptkanals" im Juni 2010 wuchs die Zahl der Abonnenten auf mehr als zehn Millionen an.

Ein neuer Wissenschaftertypus, der über Youtube kommuniziert

Stevens, ein 30-jähriger US-Amerikaner, verfügt über Abschlüsse in Neuropsychologie und Englischer Literatur der Universität Chicago und punktet mit scharfsinnigem Humor. Er steht beispielhaft für einen neuen Typus von Wissenschafter: cool, kompetent und auf Augenhöhe mit der Öffentlichkeit.

Eine Entwicklung, wie sie auch der Soziologe und Medienforscher Joachim Allgaier vom Institut für Technik-und Wissenschaftsforschung der Alpen- Adria-Universität Klagenfurt beobachtet: "Wissenschaft und Technik sind bedeutsamer geworden. Und Wissenschaft-YouTuber werden heute als interessante Persönlichkeiten wahrgenommen."

Das kommt gerade bei den jungen Generationen gut an und erreicht auch jene, die ihren Bezug zu Wissenschaft (noch) nicht erkannt haben. Was die Vermittlung von Wissenschaft betrifft, haben sich aber nicht nur die Medien geändert.

MS Wissenschaft: Ein Schiff wird kommen, das bringt mir ...

Der Dialog zwischen den Wissenschaften und einer breiten Öffentlichkeit wird seit Ende der 1990er-Jahre in mehreren Ländern gefördert. Ein Beispiel ist die 1999 in Deutschland gegründete Gesellschaft "Wissenschaft im Dialog". Sie brachte eine Reihe von Formaten der Wissenschaftsvermittlung hervor, wie etwa die "MS Wissenschaft", ein umgebautes Frachtschiff mit einer Mitmachausstellung, das auch in Tulln und Krems in Niederösterreich vor Anker geht.

In Österreich begann die Wissenschaftsvermittlung um die Jahrtausendwende mit "Sparkling Science" und dem Format der "Kinderuni". Inzwischen existiert eine große Bandbreite an Angeboten. Das Ziel hinter "Public Understanding of Science" war klar definiert: Der Dialog sollte wissenschaftliche Inhalte für alle verständlich und zugänglich machen. Ängste gegenüber Innovationen sollten ab-und Neugierde für Wissenschaft, Technik und Forschung bei Kindern und Jugendlichen aufgebaut werden.

Der Wissenstransfer erfolgte traditionellerweise vom Wissenden -sprich Wissenschafter -zum Laien. Dass sich hier derzeit einiges wandelt, nimmt Barbara Streicher, Geschäftsführerin des Science-Center-Netzwerks wahr. Dem Science-Center-Netzwerk geht es um niederschwellige Vermittlung von Wissenschaft, die mit über hundertsechzig Partnern aus Bildung, Wissenschaft und Forschung, Kunst, Medien und Wirtschaft realisiert wird.

Daraus entstanden in den zehn Jahren seines Bestehens zahlreiche Aktivitäten, zuletzt etwa die "Wissensräume" in Wien. Der Verein ist auch Teil von "ECSITE - The European Network of Science Centers & Museums". Als Vorreiter der Science-Center gilt das Exploratorium in San Francisco, das 1969 vom Physiker Frank Oppenheimer gegründet worden ist. Der Fokus liegt mittlerweile immer stärker auf dem Individuum und seinem Hintergrund. "Es geht darum, zu ermutigen, selbst Fragen zu stellen. Die Menschen sollen sich als Wissende erfahren können", erklärt Streicher.

Selbstbestimmtheit -"Empowerment", also die Ermächtigung für den Umgang mit den Wissenschaften, ist heute gefragter denn je. Die passive Rolle des Laien oder Nicht-Wissenden, der Wissenschaft nur erklärt bekommt, soll sich ändern.

Das Wissenskapital soll neu umverteilt werden -auch zu Laien

Die britische Bildungssoziologin Louise Archer spricht in ihrem wissenschaftlichtheoretischen Konzept von "Science Capital". Darin wird der Bezug des Einzelnen zu den Wissenschaften thematisiert. Damit dieser funktioniert, sind der Aufbau von Selbstwert und das Wecken von Neugierde zentral. Daher gelten diese Ziele in der Wissenschaftsvermittlung heute als besonders bedeutsam.

Eine Entwicklung, mit der das Wissenschaftssystem in all seiner Vielfalt allerdings nicht immer mithalten kann. Zwar stehen die Zeichen vielerorts auf Öffnung, was die vielen Aktivitäten und das Engagement zahlreicher Institutionen und Einzelpersonen belegen. Andere stehen aber nach wie vor auf der Bremse. Gerade dann, wenn es darum geht, die Bevölkerung aktiv einzubeziehen. Noch im Jahr 2008 zeigte eine Erhebung unter den Partnern des Science-Center-Netzwerks, dass es den Akteuren aus dem Bereich der Wissenschaft am wenigsten darum ging, Neugierde zu wecken oder den Einzelnen zu stärken. Dort wollte man vor allem ein positives Image von Wissenschaft transportieren. Dahinter steht ganz im Sinne von " Public Understanding of Science" der Auftrag, stärker an die Öffentlichkeit zu gehen. "Das hatte vor ein paar Jahrzehnten noch keine große Bedeutung. Geldgeber und Organisationseinheiten bis hin zu Presseabteilungen üben heute aber sanften Druck auf den Einzelnen aus, die Ergebnisse auch außerhalb der Scientific-Community bekannt zu machen", sagt Allgaier. Die gesellschaftliche Legitimation von Forschung steht dort somit nach wie vor im Mittelpunkt. Streicher kritisiert, dass die Idee, "dass sich die Wissenschaft durch die Einbeziehung der Bevölkerung auch verbessern kann, noch nicht weit verbreitet ist".

Wissensvermittlung gilt manchem als moralische Pflicht

Die Erwartungen an Initiativen wie die "Open Innovation-Strategie" der österreichischen Bundesregierung sind entsprechend durchwachsen. Streicher sieht darin Potenzial, um einen Anstoß in Richtung weiterer Öffnung zu geben, vergleichbar mit dem Ansatz "Responsible Research and Innovation" (RRI) der EU-Kommission. Hingegen bezweifelt Allgaier, ob es dadurch langfristig zu Veränderungen im System kommt, oder ob man zwar an neue Ideen aus der Bevölkerung herankommt, dies aber ein One-Hit-Wonder bleibt. Und: Ist so etwas wie Innovationskultur überhaupt schon vorhanden?

Laut deren gängiger Definition spielen Eigenverantwortlichkeit, Kreativität und eine hohe Fehlertoleranz eine entscheidende Rolle. Fakt ist jedoch, dass kreative Freiräume seltener werden und oft außerhalb bestehender Institutionen der Wissenschaft entstehen -als Forschungsgruppe, Cluster oder in Form von Initiativen wie DIYbio.org, Tinkering Studio oder The Makers. Dort ist noch Platz für Enthusiasmus und Kreativität.

Das Internet und Medien wie YouTube bieten solche Freiräume und regen darüber hinaus auch andere zum Weiterdenken an. "Zum Einüben von Innovationskultur gehört zum Beispiel auch kooperatives Bauen wie mit der Kettenreaktionsmaschine. Jeder überlegt dabei, wie man den Impuls weitergeben kann und nimmt dabei Anleihen bei anderen", erklärt Streicher. Im großen Stil wird heuer im Rahmen der ECSITE-Konferenz in Graz an einer Kettenreaktionsmaschine kooperativ gebaut.

Friedrich Stadler, Professor für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft an der Universität Wien: "Es ist eine moralische Verpflichtung, das eigene Wissen zu kommunizieren und ein Merkmal geistiger Arbeit. Der konkurrenzfreie Austausch kann nur von Vorteil sein." Ob mit einer Kettenreaktionsmaschine, in einem Wissensraum oder auf YouTube: Hauptsache, es gelingt, die Menschen zu ermutigen, aktiv zu werden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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