MEDIZIN / ONKOLOGIE

Lässt sich das eigene Immunsystem als Waffe gegen Krebs mobilisieren?

Onkologische Erkrankungen sind weltweit auf dem Vormarsch. Mit Immuntherapie und zielgerichteter Therapie erhoffen sich Onkologen, den Krebs von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit machen zu können

Barbara Freitag | aus HEUREKA 1/16 vom 06.04.2016

Krebs ist nach den Herz-Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Österreich. Laut Statistik Austria erkranken hierzulande jährlich etwa 39.000 Menschen an bösartigen Tumoren. Europaweit sterben pro Jahr 1,7 Millionen Menschen an Krebs.

Was Immuntherapie und zielgerichtete Therapie bedeuten

In vielen Fällen bieten "Immuntherapie" und "zielgerichtete Therapie" bessere Behandlungsoptionen als die Chemotherapie mittels Zytostatika. Ihr Wirkprinzip: zelltoxische Medikamente hindern die Zellen an der Teilung und bringen sie zum Absterben. Es kommt dabei zu beträchtlichen Nebenwirkungen an Haut, Schleimhäuten und im blutbildenden System. Lukas Kenner vom Institut für Pathologie der MedUni Wien sagt dazu: "Das Problem sind die am Erbgut entstehenden Schäden. Es kann passieren, dass Patienten viele Jahre, nachdem ihr Primärtumor erfolgreich therapiert wurde, einen weiteren Tumor aufgrund der durch die Chemotherapie verursachten genetischen Schäden bekommen."

Die Idee der Immuntherapie ist, das Immunsystem dazu zu bringen, gegen die Tumorzellen vorzugehen. Da es sich um körpereigene Zellen handelt, werden sie nicht als fremd erkannt. Sie tarnen sich und weichen aus. Es gilt, diesen Ausweichmechanismus zu unterbinden und die immunabwehrenden T-Zellen zu aktivieren. Sie sollen die Tumorzellen mittels Antigene zerstören. Durch therapeutische Krebs-Impfungen versuchte man, die Immunabwehr gezielt gegen Merkmale des Tumors zu richten.

Die neueste Entwicklung in der Immuntherapie ist die Behandlung mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Dabei verabreicht man Patienten entsprechende Blocker. Heute sieht man Krebstumore nicht mehr als Ansammlung bösartiger Zellen, sondern als organartige Strukturen, die mit den umgebenden Zellen kommunizieren.

Durch Blockade dieser Interaktionen wird das Immunsystem gegen den Tumor mobilisiert. "Es ist eine neue Ära in der Krebstherapie", sagt Hubert Pehamberger, Leiter der Uniklinik für Dermatologie der MedUni Wien. "Hautkrebs ist der Modelltumor für die Immuntherapie, weil die Checkpoint-Inhibitoren zuerst hier beschrieben wurden."

Mehr Aussicht auf Heilung dank neuer Verfahren?

Von "Heilung" will Pehamberger in diesem Zusammenhang nicht sprechen: "Wir haben Patienten, die schon jahrelang mit den Metastasen leben. Unser Ziel ist, den Krebs zu einer chronischen Erkrankung zu machen." Eine starke Aktivierung des Immunsystems birgt die Gefahr von Autoimmunreaktionen im Darm oder auf der Haut. "Damit können wir heute recht gut umgehen. Es ist aber wichtig, solche Therapien nur an onkologischen Zentren zu machen, wo auch die nötige Erfahrung vorhanden ist."

Bei der zielgerichteten Therapie wirken Medikamente gegen spezifische Eigenschaften von Tumorzellen. Ob sie überhaupt infrage kommt, entscheidet erst die pathologische Untersuchung des Tumorgewebes. Nur wenn bestimmte Merkmale vorhanden sind, ist sie nämlich anwendbar. Oft werden diese Medikamente auch mit anderen Therapieformen kombiniert, und ohne Nebenwirkungen geht es auch hierbei nicht. Lukas Kenner berichtet: "Wir hatten vor sechs Jahren einen im Sterben liegenden Patienten mit einem therapieresistenten, sehr aggressiven Lymphdrüsenkrebs. Gerade zuvor hatten wir in meinem Labor einen neuen Wirkmechanismus eines bereits zugelassenen Medikaments gegen diesen Tumor charakterisiert.

Durch die Zusammenarbeit mit Uli Jäger von der Hämatoonkologie am AKH hatten wir das Glück, dass der Patient mit diesem Wirkstoff geheilt werden konnte. Es ist auch ein Beispiel für die Bedeutung translationaler Forschung."

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