WAS AM ENDE BLEIBT

Marionetten

Erich Klein | aus HEUREKA 1/16 vom 06.04.2016

Roboterarme greifen Karosserieteile, wenden und schieben sie weiter. Es wird verschweißt und lackiert, menschliche Handgriffe sind kaum nötig. Nach wenigen Minuten Vollautomatik und vielen Filmschnitten verlässt ein fertiges Auto das Fließband.

Sich der Faszination des Werbefilms zu entziehen fällt schwer, also postet man ihn auf Facebook. Ein Naturwissenschafter kommentierte die Technik: "Auffällig ist, dass den Menschen nur die weniger anspruchsvollen Arbeitsvorgänge überlassen werden." Ein Geisteswissenschafter fügte hinzu: "So etwas macht mir Angst. Hoffentlich rührt die Geschwindigkeit vom Zeitraffer her -als Marx von Entfremdung sprach, hätte er sich so etwas nicht in seinen schlimmsten Alpträumen gedacht." Zuletzt Ästhetizismus: "Eine Symphonie!"

Tatsächlich, der Anblick von Hightech-Abläufen bietet ästhetischen Genuss. Kein Chaplin würde heute als Ganzer in ein Räderwerk geraten, um die Moderne zu kritisieren. Also begab ich mich ins Tanzquartier. Für diesen Abend war tatsächlich Tanz angesagt. Keine Selbstverständlichkeit.

Üblicherweise verenden dort minimalistische Darbietungen in gähnender Leere. Oder kommen unter der banalen Last ihrer politischen Performance gleich gar nicht zustande. Nun aber wurde Heinrich von Kleists "Über das Marionettentheater" von einem Starchoreografen inszeniert.

Die kleine Meistererzählung handelt am Vorabend der industriellen Revolution an einigen paradoxen Beispielen Fragen nach Schönheit und Mechanik, Bewusstsein und Organismus ab. Eine Marionette bewege sich graziöser als die beste Tänzerin, weil sie allein der Schwerkraft unterliege, heißt es da.

Währen der junge Tänzer und seine Partnerin eineinhalb Stunden lang ihre Arme hoben und senkten, im Kreis gingen, bisweilen im Ringelrein hüpften und manierliche Rokokoposen imitierten, ging mir der Industrieroboter nicht aus dem Sinn. Warum?

Weil der Roboter zumindest nicht weiß, dass er aus dem Paradies vertrieben wurde? Denn daher, aus diesem "Bruch von Geist", rührt für Kleist unsere ganze Misere. Weil der Roboter nichts als Mechanik suggeriert und damit zeitgemäßer tanzt als dieses Paar voller ästhetischer Ratlosigkeit, an der auch ein nerviger Live-Musiker nichts zu ändern vermochte? Le pauvre Kleist, dachte ich, und: Am Ende muss mehr bleiben!

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