BRIEF AUS BRÜSSEL

Umbruchszeit

Emily Walton | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Die Europäische Union ist im Umbruch. Das spürt man in Brüssel ebenso wie in den Hauptstädten, wo europäische Themen an der Tagesordnung sind. Was das neue Zeitalter der Union ausmacht und wann genau es begonnen hat, wird man erst im Rückblick, also in Jahrzehnten, bestimmen können. Noch ist es zu früh zu sagen, welches Zeitalter wir gerade beginnen.

Wird man einst zurückschauen und sagen, dass mit der Rettung Griechenlands vor der Pleite und dem Ausstieg aus dem Euro das Zeitalter der europäischen Solidarität begonnen hat? Dass man zunächst die griechischen Schulden gemeinschaftlich beglichen hat, so wie man dann die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen (diesmal geografisch ausgehend von Griechenland) gemeinsam bewältigt hat. Oder werden nachfolgende Generationen im Gegenteil urteilen, den EU-Mitgliedern sei durch die zu teure Griechen-Rettung bewusst geworden, dass es doch besser ist, jeder kümmert sich alleine um seine Probleme? Und dass man in der Eurokrise gerade noch zu kollektiven Lösungen gefunden hat, während man an der Flüchtlingskrise gescheitert ist.

Wie werden die Briten dereinst auf diese turbulente Zeit in Europa zurückblicken? Als die Jahre, in denen sie sich, Gottlob, nach einer "Out"-Mehrheit beim Referendum vom Kontinent getrennt haben? Oder als die Phase, in der sie sich des Wertes einer EU-Mitgliedschaft bewusst wurden und nach einem "In"-Votum sich endlich wie ein gewichtiges europäisches Land einbrachten?

Kommissionschef Juncker hat rund um seine Wahl 2014 gemeint, "seine" Kommission sei "die Kommission der letzten Chance". Man müsse schleunigst beginnen, die großen Fragen gemeinsam zu lösen, sonst werde es zu spät sein. Was damals alarmierend klang, hat mittlerweile Eingang in viele Politikerreden gefunden: Angela Merkels "Scheitert der Euro, scheitert Europa" hat sich in "Scheitert Schengen, scheitert Europa" gewandelt.

Wenn Kompromisse in Brüssel aussichtslos scheinen, weisen erfahrene Eurokraten gern darauf hin, dass es oft "Fünf vor Zwölf" sein muss, bis Dinge möglich werden. Meist findet sich schnell jemand, der entgegenhält: Das stimmt -aber in beide Richtungen; wartet man zu lange, kann morgen unwiederbringlich verloren sein, was heute noch als gesichert galt. Ein Umbruch ist im Gang. So oder so.

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