Wenn Wissenschaft Politik machen soll

Das "Anthropozän" regt Diskussionen darüber an, ob seine Einführung wissenschaftlich sinnvoll ist

Text: Jochen Stadler | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Die Menschen haben die Erde wärmer gemacht, ihre Ozeane versauert, die Artenzahlen von Pflanzen und Tieren dezimiert, und durch Industrie und Kernwaffentests völlig neue Verbindungen und Radionuklide in die Bodenschichten gebracht. Viele Forscher wollen daher ein neues Erdzeitalter ausrufen: das "Anthropozän".

Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen hat diesen Begriff Anfang des Jahrtausends mit dem Argument eingebracht, die menschlichen Aktivitäten veränderten die Erde mittlerweile mindestens so stark wie natürliche Einflüsse.

"Derzeit liegt ein Antrag bei der Internationalen Kommission für Stratigrafie (ICS) vor, und eine Arbeitsgruppe soll klären, ob dieser Vorschlag wissenschaftlich Sinn macht", erklärte Christian Köberl vom Naturhistorischen Museum Wien und der Kommission für Geowissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die ICS ist die einzig offizielle Stelle für die Einteilung von Erdzeitaltern. Durch diese Debatte ist sie aber nun in einer ungewohnten Lage. Denn bis jetzt haben Stratigrafen Erdzeitalter allesamt nach charakteristischen Merkmalen von Gesteinsschichten definiert wie Kohlevorkommen im Karbon und Calziumkarbonat (Kreide) von Korallen, Muscheln, Krebstieren und Einzellern in der Kreidezeit. Daraus haben sie auf die damaligen Umweltbedingungen geschlossen.

Heute kennt man diese ganz genau und kann sie an Land, in der Luft und im Wasser präzise bestimmen. Um aber ein neues Erdzeitalter rechtfertigen zu können, müssten die Geologen beinah ewig zurückbleibende Veränderungen im Gestein ausmachen.

Was man nun von Geologen verlange, sei eine politische Entscheidung

Doch es ist schwer, etwas Charakteristisches zu finden, meint Köberl. Die Radioaktivität von den vielen Kernwaffentests im Kalten Krieg würde nach -geologisch gesehen - kurzer Zeit wieder aus den Gesteinen verschwinden. Ob sich Plastik als dauerhaftes Leitfossil hält, sei genauso fragwürdig.

Und ein CO2-Anstieg in der Atmosphäre ist kein geologisches und schon gar kein stratigrafisches Ereignis. Die menschlichen Einflüsse wären auch schon mit dem Holozän abgedeckt.

"Wir haben menschliche Beobachtungen. Wir haben schriftliche Aufzeichnungen. Wir haben Messungen von unseren Instrumenten", so Stanley Finney, Präsident der ICS, "warum müssen wir Belege in den Felsen finden?" Er und seine Kollegen wären Wissenschafter, die sich mit der Vergangenheit der Erdgeschichte beschäftigen. Was man hier von den Geologen aber verlange, wäre eine politische Entscheidung für die Zukunft.

"Dieser Ansicht kann ich mich sehr wohl anschließen", sagt Köberl. Ein Erdzeitalter zu schaffen, das sich in geologischer, stratigrafischer und paläontologischer Weise grundsätzlich von allen anderen unterscheidet, wäre auch für ihn tatsächlich mehr ein politisches Statement und ein Marketing-Gag als eine wissenschaftlich fundierte Entscheidung.

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