WISSENSCHAFTSPOLITIK

Noch ein Schweizer Hoffnungsträger

Antonio Loprieno schickt sich an, unsere "Kopfballer" zu coachen. Drücken wir ihm (und uns) die Daumen

Christian Zillner | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Antonio Loprieno, 1955 in Bari geboren und neuer Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates, ist eine Persönlichkeit wie aus der Literatur. Genauer gesagt aus dem Roman "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Dort wird die diskrete Effizienz der hohen k. u. k. Diplomatie an der Person des Sektionschefs Tuzzi deutlich gemacht. Er erledigt im Hintergrund jene Probleme, die durch Politik und gesellschaftliche Interessenslagen unlösbar erscheinen. Wie Loprieno. Er wurde von der Schweizer Bundesregierung vor eine besondere Aufgabe gestellt. Verglichen damit erscheint die Durchsetzung zweisprachiger Ortstafeln in Kärnten wie eine Karawankengaudi.

Wie man eine schier unlösbare Aufgabe demokratisch bewältigt

Er sollte nämlich an Schweizer Universitäten Lehrstühle für muslimische Theologie einrichten. Was insofern ein Heidenspaß ist, als die Hochschulen mit Ausnahme der ETH Zürich in der Schweiz Landessache sind. Also die Kantone entscheiden darüber. Und die Muslime müssen natürlich auch zustimmen. Plus das kantonale Wahlvolk -zumindest muss es Petitionen gegen die Lehre muslimischer Theologie an seiner Hochschule mehrheitlich ablehnen.

Für diesen in österreichischen Augen so grauenhaften Prozess gibt es das Fremdwort Demokratie. Das Volk entscheidet am Ende, ob es muslimische Theologen haben will.

Nach gefühlten Jahrmillionen habsburgischer Herrschaft dürfte man das österreichische vermutlich nicht einmal fragen, ob es katholische (brauch ma ned!), evangelische (die mit dem falschen Glauben) oder jüdische (was - bist du deppert?) Theologen an seinen Hochschulen haben möchte. So wird es darüber im Unklaren gelassen, dass es neben diesen längst auch islamische Studien in Österreich gibt. Fortschritt durch Ignoranz.

Man kann sich das stille Entsetzen seiner Gesprächspartner (und die lauten Proteste der sogenannten Steuerzahler) vorstellen, als Loprieno begann, mit ihnen über seine Aufgabe zu reden. Da dürfte es günstig gewesen sein, als Italiener wahrgenommen zu werden. Manchmal lässt man sich lieber von denen, die nicht ganz dazugehören, etwas sagen als von der engeren Familie. Das Ergebnis jedenfalls ist, dass an der katholischen Fakultät der Hochschule Fribourg nun auch muslimische Theologie gelehrt wird. Eine Leistung, wahrlich eines Tuzzi würdig. Musil wäre begeistert gewesen.

Erreicht hat Loprieno das in seiner Funktion als Vorsitzender der Schweizer Rektorenkonferenz. Wer tiefer in seine Funktionärs-Arkana eindringen möchte, dem sei Wikipedia empfohlen. Ich habe mich jedenfalls gefragt (und mir diese Frage im Gespräch verkniffen), ob er denn über all diesen Funktionen auch noch zum Arbeiten komme. Immerhin ist er Ägyptologe und forscht außerdem an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel auf den Gebieten akademisches Management und gesellschaftliche Organisation. Das wird für die Gestaltung seiner Funktion im österreichischen Wissenschaftsrat übrigens besondere Bedeutung haben. Doch dazu später.

Zunächst einmal ist zu klären, was der Österreichische Wissenschaftsrat überhaupt zu tun hat. Auf seiner Website liest man: "The Austrian Science Board is the main advisory body to the Federal Minister of science and higher education, parliament and the universities, in all university-related matters. All official documents are in german." Zum Glück, möchte ich anmerken, so kann ich weiter beim Deutschen bleiben. Übersetzen will ich die Selbstbeschreibung nicht, denn das nähme diesem Beratungsgremium seine tuzzi'sche Bedeutung.

Er will seinen Einsatz als "systemrelevant" verstehen

Antonio Loprieno lobt dessen wissenschaftliche Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen, insbesondere denen der Hochschulpolitik. Er schätzt solche wissenschaftliche Expertise und will sie auch weiter fortführen. Zugleich möchte er während seiner Zeit zusätzlich etwas einbringen, das er selbst als "Systemrelevanz" bezeichnet.

Da er sich momentan noch einen Lehrling der österreichischen Hochschullandschaft nennt und erst auf sein Gesellenstück hofft, zögere ich etwas, diese seine Absicht näher zu erklären. Weil er sich aber nicht, wie die heimische Lehrlingspraxis es nahelegen könnte, mit Leberkässemmelholen begnügen wird, sei so viel verraten: Systemrelevanz meint, sich dort einzumischen, wo es gesellschaftlich und hochschulpolitisch wichtig ist.

Oder wie er es selbst ausdrückt: "Sich ein bisschen die Hände schmutzig machen, damit am Ende alle ein bisschen sauberere haben können." Das klingt nach einer Art von Mani pulite für die heimische akademische Gesellschaft.

Bitte, diese Assoziation ist ganz und gar meine! Sie hat mit den seriösen Absichten von Loprieno überhaupt nichts zu tun. Wie kann man nur darauf kommen, unser akademisches System mit jenem der Omertà-Apostel zu vergleichen? Ich ziehe den Vergleich unter Ausdruck tiefsten Bedauerns zurück. Unser akademisches System ist ein Idol an Transparenz. Ich sollte es besser anbeten.

Loprieno kennt das Schweizer System. Jetzt wird er unseres kennenlernen. Ein Unterschied: In der Schweiz sitzen die Rektoren der Unis und Fachhochschulen zusammen. Nein, nicht zufällig in der U-Bahn, sondern, um gemeinsam vorzugehen. Aber, sagt der gelernte heimische Akademiker, wie ist denn so etwas möglich? Ich meine, die Alma mater und diese EFHAS?

Vielleicht, weil Alma aus der Ferne auch wie Streichkäse aussieht und die Schweizer eine ETH Zürich haben, Kontinentaleuropas einzige Universität, die es rankingmäßig mit jenen aus dem angloamerikanischen Raum aufnehmen kann. Da ist jeder Dünkel der übrigen obsolet. Man kann sich mit den Fachhochschuen problemlos an einen Tisch setzen. Bringt letztlich allen Hochschulen mehr. Vielleicht kann Loprieno das auch unseren nahelegen. Immerhin hat er den Fribourgern muslimische -ach, das hatten wir schon. Übrigens ist er froh, die Muslime bei den Katholiken untergebracht zu haben. An evangelischen theologischen Fakultäten stellen sie nämlich auch Gott in Frage. Das könnte angehende Imams womöglich traumatisieren. Bei den Katholiken sind sie sicher.

Was Loprieno wie Tuzzi so faszinierend macht, ist ihre Fähigkeit, im institutionellen Rahmen noch immer verbindlich, freundlich und charmant zu bleiben, wo einem Rotzbua wie mir längst das Geimpfte aufgeht. Diese Mimikry dient aber nicht dazu, sich vor den Problemen zu drücken, sondern sie auf eine Weise zu lösen, die für alle akzeptabel ist. Hinter einem netten Antlitz steckt ein Wille, Ziele zu verfolgen und zu erreichen.

Ich will nicht sentimental werden und jenen Schweizer ins Treffen führen, an dem die österreichische Fußballseele genas. Aber vielleicht kann uns ein Schweizer mit italienischen Wurzeln (mit deutschen tun wir uns ja eher schwer) auch im akademischen Feld zur Weltklasse heranführen. Und uns das geben, was wir am Feld dringend brauchen, um gewinnen zu können: Selbstbewusstsein und die nötige internationale Ausrichtung.

WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

Empfehlungen von Erich Klein

Alltägliches Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft

Bauern und Nationalsozialismus -bedeutet das allein Blutund-Boden-Ideologie samt "Rückkehr zur Scholle" und rassistische Rede vom "Volkskörper"? Der Linzer Historiker Ernst Langthaler untersucht am Beispiel des Reichsgaus Niederdonau das Vorgehen der Nazis als Modernisierungsprojekt jenseits von Liberalismus und Kommunismus. Die von den Nazis angestrebte grüne Revolution zu "völkischem Produktivismus" gelang nicht, war aber entscheidend für die Agrarentwicklung in der Nachkriegszeit.

Ernst Langthaler: Schlachtfelder. Alltägliches Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft 1938-1945, Böhlau Verlag 2016,940 S.

Frühe Aufarbeitung des NS-Mordes an Jüdinnen und Juden

Was im Fall der Historiografie des Holocaust anstößig klingen mag, wird in zweiundzwanzig Konferenzbeiträgen revidiert - die irrige Meinung nämlich, über die Ermordung der Juden sei nach 1945 nicht gesprochen worden. Der Bogen reicht von den Chronisten des Warschauer Ghettos zum sowjetischen "Schwarzbuch", zu Autoren wie H. G. Adler, oder Karl Jaspers' Diskussion der "Schuldfrage" und zu frühen Ausstellungen über die nationalsozialistischen Verbrechen.

Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky (Hg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte. Beiträge zur Holcaustforschung des Wiener Wiesenthal Instituts Bd. 2, new academic press, Wien 2016

Populismus, Postmoderne, Putin

Bei Ernst Jandl hieß es dichterisch "lechts und rinks kann man nicht velwechsern" - für den Politologen Boris Schumatzky steht 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion vor allem die europäische Demokratie auf dem Prüfstand. Was passiert mit der Wahrheit im Zeitalter der Postmoderne? Was mit den Parteien nach der Auflösung der alten politischen Lager? Die Linke huldigt dem Nationalismus, die Rechte borgt sich als nützlichen Feind die Banken. Und: Warum finden die neue russische Autokratie und Wladimir Putin im Westen Anhänger?

Boris Schumatzky: Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin. Residenz Verlag 2016,160 S.

Erster Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie

Bevor der Furor des Erinnerns an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wieder dem Vergessen anheimfällt, setzt Manfried Rauchensteiner nach und ergänzt sein monumentales Meisterwerk über den Ersten Weltkrieg. Josef Broukal assistiert. Der Mord von Sarajewo ist nur noch eine halbe Seite lang, sonst ist alles da -Schlachten und Truppenbewegungen, die Situation im Hinterland, Flüchtlingsbewegungen, Karten, Skizzen, militärische Hierarchien und die Chronologie der Ereignisse.

Manfried Rauchensteiner, Josef Broukal: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914-1918. In aller Kürze, Böhlau Verlag 2015,276 S.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige