Süßwasserpipelines aus Grönland

Ein zwanzigjähriger Philosophiestudent macht sich Gedanken über die Zukunft im Alpenland

Text: Lukas Schöppl | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Der amerikanische Lyriker Robert Frost stellt sich in seinem Gedicht "Fire and Ice" die Frage, wie unsere Erde untergehen könnte. Ist es Feuer, das ihr ein Ende bereiten wird? Oder doch Eis?

Günz, Mindel, Riß und Würm. Was wie Krankheitsdiagnosen des Magen-Darm-Trakts klingt, sind alpenländische Bezeichnungen von Kaltzeiten. Die letzte endete vor etwa 10.000 Jahren. Obwohl jedes Jahr wärmer ist als das vorangegangene, leben wir per definitionem in einer Eiszeit. Sie ist dadurch bestimmt, dass in ihr die Polkappen vereist sind. Im Gegensatz zu einem Warmklima wechseln sich in einem Eiszeitalter Kaltzeiten (Glaziale) und Warmzeiten (Interglaziale) ab. In einem Interglazial befinden wir uns derzeit. So könnte man meinen, dass nahendes Eis den Menschen den Garaus machen wird. Wären da nicht wir.

Unsere Warmzeit geht zu Ende. Heizen wir uns deshalb ordentlich ein?

Klimaerwärmung an sich ist nicht zu verteufeln. Im Gegenteil: Die stetige Erwärmung des Klimas ließen Ackerbau und Viehzucht entstehen. Sie machte globale Zivilisation überhaupt erst möglich. Auch heute noch profitieren viele Gebiete von jedem Grad pro Jahr mehr -sicherlich mit ein Grund, warum Kanada im Jahr 2011 aus dem Kyoto-Klimaabkommen ausgetreten ist. Natürlicher Erderwärmung ist nur wenig entgegenzusetzen -nur ist die Erwärmung mittlerweile alles andere als nur natürlich. Die Warmzeit neigt sich dem Ende zu, also heizen wir einander nochmal richtig ein. Anthropogene Klimaerwärmung als Waffe gegen das ewige Eis?

Ein weniger oft beleuchtetes, aber keinesfalls zu unterschätzendes Indiz für die Erderwärmung ist das anthropogenverstärkte Tauen der Permafrostböden. Im Vergleich zum Rückgang der Gletscher ist es in der Landschaft nicht gleich sichtbar. Die Degradation von Permafrost hat die Lockerung des Bodens und damit einhergehende Rutschungen, Felsstürze und Murgänge zur Folge. Auch Kohlenstoff und Methan, die als Biomasse im Boden gebunden sind, werden in großen Mengen freigesetzt. Methan hat in der Atmosphäre ein vielfach höheres Treibhauspotenzial als Kohlenstoff. Man könnte also von einem sich selbst verstärkenden Treibhauseffekt sprechen.

Das Südtiroler Projekt permaNET ist ein Zusammenschluss von 13 Projektpartnern und 23 Projektbeobachtern im gesamten Alpenraum. Es setzt sich die Beobachtung der zukünftigen Entwicklung des Permafrosts zum Ziel. Datensätze, die durch den Einsatz von Satelliten ermittelt werden, ermöglichen nun erstmals ein alpenweites Permafrostmonitoring und eine detaillierte Erstellung von Gefahrenzonenkarten. Es wird also beobachtet, aufgenommen und realisiert, doch wird auch agiert?

Ich bin zwanzig Jahre alt. Wie sehen meine Perspektiven aus?

Die Permafrostböden und Polkappen tauen, die Ozeane steigen. Ich bin zwanzig Jahre alt. Wie sehen meine Perspektiven aus? Der Wandel des Klimas kann nicht rückgängig gemacht werden. Muss er vielleicht auch nicht. Was es jetzt braucht, sind die Minimierung der Treibhausgase und die Entwicklung radikaler Ideen.

Ein kleines Gedankenexperiment: Wasserpipelines. Man könnte in Grönland die abschmelzenden Eisblöcke, die sowieso ins Meer fallen würden, kontrolliert abtragen. Das so gewonnene Süßwasser wird geschmolzen durch Pipelines geschickt. So könnte man den austrocknenden Aralsee speisen, oder andere Gebiete, die von Desertifikation betroffen sind, bewässern.

Die Frage Frosts nach dem Untergang der Welt ist (noch) nicht eindeutig zu beantworten. Wir werden vielleicht "seine" Vorschläge zum Weltuntergang zu verhindern wissen: Fire and Ice. Angesichts des Austritts von Methangas in Südkalifornien, der schier "unstoppable" scheint, finden wir aber bestimmt noch einen Plan C.

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