WAS AM ENDE BLEIBT

Konfusisus

Erich Klein | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Scholem Alejchem starb am 13. Mai 1916. Zu seinem Begräbnis versammelten sich am New Yorker Times Square mehr als hundertfünfzigtausend Menschen. Der berühmteste Schriftsteller jiddischer Sprache wurde auf eigenen Wunsch auf einem Armenfriedhof in Brooklyn beerdigt. Was am Ende blieb, waren im Fall des politisch engagierten und ästhetisch anspruchsvollen Autors nicht dessen Bücher "Mottel, Sohn des Kantors" oder "Tewje, der Milchmann", sondern das Musical "Anatevka" aus den 1960er-Jahren. Der künstlerischen Bedeutung und den politischen Ambitionen des literarischen Modernisten wurde die, gelinde gesagt, nostalgisch-melancholische Verkitschung des Lebens im ostjüdischen Schetl wenig gerecht.

1859 als Sohn einer wohlhabenden chassidischen Familie in Perejaslaw in der heutigen Ukraine geboren, legte sich Solomon Rabinowitsch nach ersten Schreibversuchen in den 1880er-Jahren das Pseudonym Scholem Alejchem (Friede sei mit euch) zu. Er finanzierte als Herausgeber das aufklärerische Projekt "jydische folkss-bibliotek". Jiddisch wurde bis zu deren Vernichtung in der Schoah von elf Millionen osteuropäischen Juden gesprochen und wurde nicht zuletzt durch Alejchems achtundzwanzig Bände umfassendes Werk in den Rang einer Literatursprache erhoben.

"Tewje, der Milchmann" ist eine Abfolge von acht Erzählungen. Sie sind zwischen 1895 und 1916 entstanden und stellen den radikalen Wandel des Zarenreiches zur Jahrhundertwende am Beispiel des jüdischen Schtetls dar. Der auf Hiobs Spuren wandelnde, gottesfürchtige und ironische Tewje sorgt sich um die Zukunft seiner Töchter. Doch all seine Bemühungen um sie enden im Desaster. Am Ende räsoniert er: "Was ist eigentlich ein Jude, und was ein Nichtjude? Und weshalb hat Gott Juden und Nichtjuden geschaffen?""Warum lässt der alte jüdische Gott all die Katastrophen und Pogrome zu?"

Tewje fand darauf keine Antwort. Am Ende bezeichnet sich der Milchmann als "Konfusius". Was daraus folgt? Eine Wiederentdeckung von Scholem Alejchems Werk ist längst angebracht! Die soeben erschienene großartige Neuübersetzung des österreichischen Jiddisten Armin Eidherr ist die beste Gelegenheit dazu.

Scholem Alejchem: Tewje der milchmAnn, mAneSSe VerlAg Zürich 2016,277 S.

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