EDITORIAL

Geißlerzüge

Christian Zillner | aus HEUREKA 2/16 vom 18.05.2016

Falls im August in Kapstadt die Entscheidung fällt, unser gegenwärtiges geologisches Zeitalter "Anthropozän" zu nennen, geschieht dies wohl aus schlechtem Gewissen. Wie die Beiträge ab Seite 11 zeigen, sehen die meisten Wissenschafter in diesem Namen eine Art Anklage oder Mahnung. Der Mensch stehe im Begriff, die Erde, so wie sie gegenwärtig ist, zu zerstören.

Für die Erde selbst ist das nichts Neues. Man kann sie als einen eigenen Organismus betrachten, der mit seinem Überleben beschäftigt ist. Dabei geht immer wieder einmal etwas schief. So hat sie im Lauf ihrer Existenz Einschläge aus dem All ebenso hinnehmen müssen wie eine komplette Vereisung ihrer Oberfläche oder eine Bakterienflut, die sie in eine Kloake verwandelt hat. Nichts konnte sie aus der Fassung bringen.

Für Menschen hingegen werden die Zeiten manchmal so schwierig, dass sie sich ein Ventil schaffen müssen. Auf lebensbedrohliche Zustände im Mittelalter reagierten viele von ihnen, indem sie sich Geißlerzügen durchs Land anschlossen. Bis Kapstadt sind sie damals nicht gekommen. Vielleicht holen unsere Geowissenschafter das nun nach. Und wir gaffen nicht mehr am Straßenrand, aber durch die Medien auf das Spektakel. Der Erde wird es wie immer recht sein.

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