Wenn ständig die Zeit drängt...

... handelt es sich im Bildungsbereich meist um ein berufsbegleitendes Studium

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

"Da muss es doch mehr geben." Vor gut zwei Jahren beschließt Philipp Haslinger aus Wels, seinem Leben eine andere Richtung zu geben: Er kündigt seinen Vollzeitjob, beginnt eine 20-stündige Beschäftigung bei einem anderen Unternehmen und inskribiert Wirtschaftsinformatik an der Universität in Linz. Mittlerweile ist der 29jährige am Ende des vierten Semesters angelangt und plant, seinen Master zu machen.

Die Perspektiven hätten ihm gefehlt, erzählt er. Nach seiner Matura an der HTL für Informationstechnologie in Wels war Haslinger direkt ins Berufsleben eingestiegen. Zum damaligen Zeitpunkt die scheinbar einzig richtige Entscheidung für ihn: "Ich war heilfroh, dass die Schule endlich vorbei war." Doch seine Tätigkeit in der alten Firma wurde ihm, wie er selbst sagt, "auf Dauer langweilig". Statt einfach den Job zu wechseln, entschied er sich, zusätzlich zu studieren, um einerseits seinen Horizont zu erweitern und andererseits seine Jobchancen zu verbessern. "Dass ich dabei ganz aufhören könnte zu arbeiten, war mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht so richtig in den Sinn gekommen."

Berufsbegleitend Studierende sind fordernder und besser organisiert

Mit diesem "verzögerten Eintritt in das Hochschulsystem", also einer Pause zwischen der Matura und dem Studienbeginn, ist Haslinger laut "Studierendensozialerhebung 2016" des Wissenschaftsministeriums kein Einzelfall. Ein Anteil von 26 Prozent der "Bildungsinländer" im ersten Studienjahr beginnt demnach sein Studium mehr als zwei Jahre nach dem höchsten Schulabschluss. Zurückgeführt wird diese Verzögerung zum größten Teil auf die Ausübung einer regulären Erwerbstätigkeit.

Viel häufiger als jene, die direkt nach der Matura mit dem Studium beginnen, entscheiden sich diese "berufsbedingten Verzögerer" für ein Fachhochschulstudium. Denn hier werden neben den klassischen Vollzeitvarianten auch speziell berufsbegleitende Studiengänge angeboten. Regelmäßige Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht werden durch mehrmals im Semester stattfindende geblockte Wochenendseminare ergänzt, bis zu ein Drittel der Studienzeit entfällt auf Fernlehre.

"Dreimal in der Woche gibt es am Abend mehr als drei Stunden volles Programm", sagt Thomas Galla, der seit dreizehn Jahren an der FH Technikum Wien nebenberuflich im Bereich Informatik lehrt. Seit 2006 unterrichtet Galla ausschließlich berufsbegleitend Studierende. "Berufsbegleitende studieren anders", meint er. "Sie sind fordernder als herkömmliche Studierende und versuchen eher zu verhandeln. Sie können und müssen sich aber auch besser organisieren und vor allem gut mit ihrer Zeit haushalten."

Gewisse Angelegenheiten schiebe man nicht mehr auf, meint auch Philipp Haslinger. Ein Studium an einer Fachhochschule sei für ihn allerdings nicht infrage gekommen: "Das Angebot in meiner Nähe hat einfach nicht gepasst." Außerdem komme ihm die flexiblere Zeitgestaltung auf der Universität entgegen, da er sich dadurch seine berufliche Tätigkeit besser einteilen kann.

Stressfaktoren, psychische Beschwerden und depressive Stimmungen

Trotzdem ist für Haslinger die Zeit derjenige Faktor, bei dem er am meisten Einbußen hinnehmen muss. "Finanziell fühle ich mich durch mein Studium nicht eingeschränkt. Dafür vermindert der Auslastungsfaktor während des Semesters schon teilweise die Lebensqualität."

Die "Studierendensozialerhebung 2016" bestätigt diesen persönlichen Eindruck. Erwerbstätige investieren im Schnitt annähernd genauso viel Zeit in das Studium wie ihre Vollzeit studierenden Kollegen, heißt es dort. Eine Erwerbstätigkeit habe letztlich sowohl zeitlich auf das Studium als auch auf die sonstige verfügbare Zeit einen negativen Einfluss.

Diese Vereinbarkeitsprobleme können sich sogar negativ auf die Gesundheit auswirken: Insgesamt 49 Prozent der Studierenden gaben im Sommersemester 2015 an, während ihres Studiums mindestens einmal von unterschiedlichen Stressfaktoren und psychischen Beschwerden wie Konzentrationsschwierigkeiten oder depressiven Stimmungen beeinträchtigt worden zu sein. Besonders stark betroffen sind hierbei Studierende im Alter zwischen 26 und dreißig Jahren sowie Studierende an Kunstuniversitäten.

"Zusätzlich zum normalen Universitätsalltag fallen bei unseren Studierenden täglich etwa drei bis vier Stunden Übungszeit an", sagt Elisabeth Aigner-Monarth. Sie unterrichtet an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien im Rahmen der Studienrichtungen Instrumental-und Gesangspädagogik (IGP) sowie Lehramt Musikerziehung.

Ein hoher Anteil der Studierenden an der Wiener Musikuniversität ist außerdem während des Studiums berufstätig, wie eine Befragung unter den Absolventen zeigt. "Es wird besonders häufig in Orchestern oder Ensembles gespielt. Die Lehramt-Studierenden hingegen steigen aufgrund von Lehrpersonalmangel häufig früh in den Job ein, obwohl sie mit ihrem Studium noch gar nicht fertig sind." Eine Belastung, auf die nun mit einer Reform des Masterstudienplans IGP reagiert wird. In Zukunft soll es möglich werden, berufliche Praxen für das Studium anrechnen zu lassen.

"Viele unserer Masterstudierenden sind mit der Entwicklung eigener künstlerischer Projekte beschäftigt, die nach dem Studium zu einem Teil ihres Berufes werden", sagt Aigner-Monarth. "Die geplanten projektorientierten Studienvarianten, für die sich die Studierenden individuell bewerben können, tragen dieser Tatsache Rechnung und erkennen die Leistungen formell an." Als willkommener Nebeneffekt werde durch die reduzierten Anwesenheitszeiten eine Entlastung für die Studierenden herbeigeführt.

Dass die Balance zwischen Studium, Arbeitsplatz und Privatleben das Schwierigste für berufsbegleitend Studierende ist, kann auch Thomas Galla bestätigen: "Geld scheint in diesem Bereich eine untergeordnete Rolle zu spielen, aber gefühlt zerbrechen teilweise Beziehungen am Studium." Und manchmal muss sogar die Zukunftsplanung an die herrschenden Belastungen angepasst werden: Es gebe immer wieder Studierende, die im Lauf der Zeit entweder ihren Job oder das Studium aufgeben, so Galla.

Philipp Haslinger jedenfalls hat sich zum Ziel gesetzt, sein Wirtschaftsinformatikstudium möglichst in Mindeststudienzeit zu beenden. Er möchte nicht unnötig Zeit verschwenden und nimmt dafür lange Fahrtzeiten, nächtliche Lernsitzungen, Stress im Beruf und das Gefühl in Kauf, dass es eigentlich immer etwas zu tun gibt. "Ich würde es wieder machen", fasst Haslinger zusammen. "Auch, wenn man erst im Lauf der Zeit erkennt, worauf man sich einlässt."

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