BRIEF AUS BRÜSSEL

Erasmus gut?

Emily Walton | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

Wie geht es den Studierenden in Europa? Fragt man das in Brüssel, ist die Chance groß, eine positive Antwort zu erhalten. Gut geht es ihnen, weil sie sich gar nicht - oder im Vergleich zu ihren amerikanischen Kollegen - nur sehr gering verschulden müssen, um einen akademischen Abschluss zu machen. Und besonders gut geht es ihnen, weil es Erasmus gibt. Das Austauschprogramm der Europäischen Union vermag, so scheint es mancher Eurokrat zu sehen, wahre Wunder zu bewirken.

Bitte nicht falsch verstehen: Erasmus ist eine gute Sache. Aber auch dafür kann man es mit dem Lob übertreiben. Etwa, wenn es in einer Studie der EU-Kommission heißt, dass bei Erasmus-Absolventen das Risiko um die Hälfte geringer sei, für längere Zeit arbeitslos zu werden.

Ist das alles Erasmus zu verdanken? Oder haben die, denen während des Studiums ein Auslandsaufenthalt möglich ist, vielleicht von vornherein bessere Bedingungen und Chancen als jene, denen Erasmus verwehrt bleibt? Und bewirken diese unterschiedlichen Ausgangslagen etwa schon eine Art Filter für Erasmus selbst? Und ich habe weitere Fragen.

Frage Nummer eins betrifft eine Jubelmeldung der Kommission aus 2014, wonach seit dem Start von Erasmus eine Million "Erasmus-Babys" geboren worden sind. Soll heißen: Babys, deren Eltern sich während des Auslandsstudiums von zumindest einem der beiden kennengelernt haben. Bitte: Wie berechnet man so etwas? Wer zählt das? Wird das auf der Geburtsurkunde vermerkt?(Name des Vaters: xx, Name der Mutter: xx, verliebt während des Sommersemesters 2010 in xx.) Hat die Kommission gar eine Million Geburtsanzeigen erhalten?

Die zweite Frage stellt sich mir angesichts der jüngsten Erasmus-Statistik, in der die Kommission die Zielländer aus dem Studienjahr 2013/14 aufgeschlüsselt hat. Demnach ist Spanien - wieder einmal - das beliebteste Gastland für ein Auslandssemester. Sehr viele Studierende zieht es auch nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Österreich hat 2013/14 übrigens exakt 6.188 Studierende empfangen und liegt damit im Mittelfeld. Aber, jetzt kommt's: Genau einer bzw. eine von insgesamt 272.497 wollte in diesem Studienjahr in Mazedonien studieren. Sie oder ihn würde ich gern fragen: Wie geht's Studierenden eigentlich in Mazedonien?

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