Liebe auf den ersten Blick. Und dann?

Die Situation von Studierenden aus dem Ausland. Beispiele aus der Ukraine, Afrika und dem Iran

Text: Sophie Jaeger | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

Laut der Bundesanstalt Statistik Austria studierten im Wintersemester 2014/15 insgesamt 375.911 Menschen an Österreichs verschiedenen Hochschulen. Rund ein Viertel stammten aus dem Ausland.

Derzeit laufen hitzige Debatten darüber, ob ausländische Studierende den österreichischen Staat mehr kosten, als sie ihm nutzen. Statistiken werden herangezogen, um Argumente für strengere Zugangsbeschränkungen und höhere Studiengebühren zu finden.

Doch selbst die beste Statistik vermag nicht auf Einzelschicksale einzugehen. Sie kann nicht sagen, was junge Menschen dazu bewegt, nach Österreich zu kommen und was sie sich von einem Studium fernab der Heimat erhoffen. Außerdem bleibt meist unklar, in welcher Höhe Studiengebühren von ausländischen Studenten bereits bezahlt werden.

Das Herkunftsland entscheidet darüber, wie hoch die Studiengebühren sind

Österreichs Universitäten zählten im Wintersemester 2014/15 309.172 Studierende. Davon waren 71,7 Prozent österreichische Staatsbürger und 18,7 Prozent EU-Staatsbürger. 29.725 Personen oder 9,6 Prozent kamen aus Nicht-EU-Staaten, um hier zu studieren.

Die 26-jährige Julia ist eine von ihnen. Nach einem Bachelor-und Diplomstudium an der journalistischen Fakultät in Kiew kam sie vor drei Jahren nach Wien, um das Masterstudium zu absolvieren. Zuvor musste sie eine Deutschprüfung auf dem Niveau B2 ablegen. Die Vorbereitungskurse dafür absolvierte sie an der Universität Wien, und zwar um 1.150 Euro. Mittlerweile ist sie ordentliche Studentin und zahlt Studiengebühren von 383,56 Euro pro Semester. Studiengebühren für Studierende aus dem EU-Ausland sind an der Uni Wien nach Herkunftsland gestaffelt. Auf der Uni-Homepage zeigen Listen, welche Staatsangehörigkeiten vom Studienbeitrag befreit sind, welche 383,56 Euro pro Semester zahlen und welche Studierenden den doppelten Beitrag zu entrichten haben.

Die iranische Staatsbürgerin Roshanak (32) kam vor vier Jahren nach Wien. Nach einem Diplomstudium zur Instrumentalpädagogin für Violine und Viola in ihrer Heimatstadt Teheran entschloss sie sich, ihre Ausbildung in Wien zu vertiefen. Sie studiert an der Uni für Musik und darstellende Kunst elementare Musikpädagogik. "Nirgends wird klassische Musik so gelebt wie in Wien!", sagt sie. Roshanak spielt Viola im Orchester der Uni Wien. Bei der Aufnahmeprüfung zum Lehrgang für elementare Musikpädagogik musste sie auch Fertigkeiten an der Gitarre beweisen.

Ihr Lehrgang kostet 500 Euro pro Semester, ungeachtet der Staatsbürgerschaft. Neben ihren musikalischen Talente kann Roshanak diverse Sprachkenntnisse vorweisen. Sie spricht fließend Farsi und Dari, das in Afghanistan gesprochen wird. Des Weiteren lernte sie in der Schule Arabisch und versteht Türkisch sowie die aserbaidschanische Variation des Türkischen.

Die Afrikanerin Kathy ist auf einer Insel im Indischen Ozean aufgewachsen. Sie ist aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit von Studiengebühren befreit und zahlt wie österreichische und EU-Bürger lediglich den ÖH-Betrag von 19,20 Euro pro Semester. Studierende aus den meisten afrikanischen Staaten sind von Gebühren befreit, ebenso solche aus Bangladesch, Nepal oder Laos.

Kathy kam vor über zehn Jahren nach Österreich und macht den Master in Transkultureller Kommunikation (Französisch, Englisch, Deutsch). Sie lernte Deutsch noch während ihrer Beschäftigung als Au-Pair in einer französischsprachigen Familie in Wien. Fragt man sie, warum sie hierher gekommen ist, ungefähr 8.000 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt, muss sie schmunzeln. "Es war Zufall. Ursprünglich hatte ich mit einer Familie aus Saudi-Arabien Kontakt aufgenommen, die sich dann aber nicht mehr gemeldet hat. Eine nette Familie aus Österreich wollte mich kurz darauf als Kindermädchen einstellen. So bin ich hierhergekommen! Zwischen mir und Österreich war es Liebe auf den ersten Blick!"

Ohne finanzielle Unterstützung durch die Familie wäre kein Studium möglich

Julia ist aus pragmatischeren Gründen nach Wien gekommen. Sie will eine höhere Qualifikation für ihre zukünftige Karriere. Außerdem erzählt die 26-Jährige, dass sie hier wertvolle Lebenserfahrung sammelt: "Zuhause habe ich wie eine Blume in einem Garten gelebt."

An Wien und den Österreichern schätzt sie eine antimaterialistische Grundeinstellung. "Hier zählt nicht, was du hast und was du besitzt, sondern wie du lebst und was du erlebt hast!", meint sie begeistert. In wenigen prägnanten Sätzen skizziert sie den "Geist der Sowjetzeit", der in der Ukraine bisweilen noch präsent ist. Nach vielen Jahren der Knappheit materieller Güter legen die meisten Menschen heute besonders großen Wert auf Besitz. Obwohl es ihr hier sehr gut gefällt, möchte Julia nach dem Abschluss ihres Studiums in ihre Heimatstadt Kiew zurückkehren.

Im Gespräch mit den drei Frauen stellen sich, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Lebensgeschichten, ähnliche Problematiken heraus: Alle drei haben existenzielle finanzielle Probleme. Ohne Zuwendungen von außen, sei es von der Familie oder von Bekannten, wäre ihr Leben in Österreich nicht finanzierbar.

Die Aufenthaltsbewilligung ermöglicht ihnen nur begrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt. Bachelor-Studierende aus dem EU-Ausland dürfen hier maximal zehn Stunden pro Woche arbeiten, Master- Studierende das Doppelte. Abgesehen von den geringen Verdienstmöglichkeiten ist es für Nicht-EU-Ausländer schwierig, überhaupt eine Anstellung zu finden. Arbeitgeber müssen beim Arbeitsmarktservice eine Beschäftigungsbewilligung beantragen, was viele abschreckt.

Master in Österreich - und was nun? Ein Rot-Weiß-Rot-Hürdenlauf

Um Jahr für Jahr eine neue Aufenthaltsbewilligung ausgestellt zu bekommen, müssen die drei Studentinnen Studienerfolge nach festgelegten Kriterien nachweisen. Nach dem Abschluss gilt es andere Wege zu finden, um weiterhin den Aufenthalt bewilligt zu bekommen. Eine Option ist die sogenannte "Rot-Weiß-Rot-Karte".

Sie gewährleistet ausländischen Masterabsolventen österreichischer Universitäten einen befristeten Aufenthalt, wenn sie einen Job finden, in dem sie monatlich über 2.187 Euro brutto verdienen. Der Staat Österreich gibt den Absolventen dafür sechs Monate Zeit. Wenn nach Ablauf des sechsten Monats nach Studienabschluss kein passender Job gefunden werden konnte, muss der Absolvent Österreich verlassen.

Obwohl die Studiengebühren an Österreichs staatlichen Universitäten in keiner Weise mit "tuition fees" in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien verglichen werden können, schaut es für ausländische Studierende unterschiedlich aus. Einige Wenige studieren tatsächlich kostenlos, was angesichts der wirtschaftlichen Situation in ihren Heimatländern durchaus angebracht erscheint.

Für den großen Teil der zahlenden EU-Auslands-Studierenden stellt aber sogar der vergleichsweise geringe Studienbeitrag ein Problem dar. Kreditaufnahme zur Finanzierung eines Studiums ist in Österreich unüblich und nicht vorgesehen. Der Arbeitsmarkt ist ausländischen Studierenden durch bürokratische Hürden verstellt und nur erschwert zugänglich. Ohne jegliche Praxiserfahrung wird es schließlich auch dem talentiertesten Masterabsolventen schwer fallen, einen Job zu finden, der ihm die Rot-Weiß-Rot-Karte und damit eine Aufenthaltsbewilligung in Österreich sichert.

Insbesondere angesichts der jüngsten Migrationsbewegungen sollte Österreich mehr Interesse daran zeigen, pädagogische Talente mit Sprachkenntnissen in Schlüsselsprachen wie etwa die Iranerin Roshanak im Land zu behalten und entsprechend einzusetzen. Integration und aktive Teilnahme am österreichischen Leben sollten belohnt und nicht ignoriert werden.

Im Fall der Afrikanerin Kathy, die bei uns eine neue Heimat gefunden hat und wohl so manchem Österreicher Grammatiknachhilfe geben könnte, wären weniger kostenintensive Einbürgerungsmöglichkeiten wünschenswert. Schon deshalb, damit hier weiterhin gutes Deutsch gesprochen wird.

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