WISSENSCHAFTSPOLITIK

Kommt jetzt der Doktor Med light?

Der für die Qualitätssicherung an Privatunis zuständigen AQ Austria wird bei der Zulassung neuer Privatunis zu wenig Strenge vorgeworfen

Interview: Dieter Hönig | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

In Deutschland nennt man sie "Barfuß-Ärzte". In Österreich etwas freundlicher "Mediziner light".

Gemeint sind damit an Privatunis ausgebildete Mediziner, die, aus Sicht der öffentlichen Institute, nicht die hohen Qualitätsstandards für den Ärzteberuf erfüllen. Konkrete Anlassfälle sind die geplante "Medical School" in Tirol sowie eine Privatuniversität in Baden.

MedUni Wien-Rektor Markus Müller befürchtet eine "Entakademisierung" der Medizinausbildung auf "Berufsschulniveau", was letztlich zu einem "Dr. med. light" führen könnte. Schließlich produziere Österreich bereits jetzt genügend Ärzte.

Doch viele von diesen verlassen nach der Ausbildung ihre Heimt. "Wir verlieren Ärzte an Deutschland und die Schweiz wegen ungleich besserer Bezahlung", sagt Uni-Ratsvorsitzender Erhard Busek (siehe Kommentar Seite 3).

Nicht zuletzt würden weitere Medizin-Universitäten auch einen Substanzverlust für die bereits bestehenden Institute bedeuten, da die Konkurrenz versuche, Habilitierte abzuwerben. Und all das nur, weil sich neben den geschäftlichen Interessen einiger Investoren auch der eine oder andere Landeshauptmann persönlich profilieren möchte, wie Busek vermutet: "Da will offenbar jemand berühmt werden."

Ein Kritikpunkt richtet sich auch an die Agentur "AQ Austria". Sie ist seit 2012 für die Akkreditierung privater Universitäten und Fachhochschulen zuständig und somit auch für die Qualitätssicherung dieser Institute. Ihr wirft man vor, bei der Zulassung privater MedUnis allzu großzügig zu sein. Hat sie aber überhaupt die Möglichkeit, regulierend einzugreifen? Und würde es schon reichen, bei Zulassungen die Latte etwas höher zu legen? Wir sprachen mit AQ Austria-Geschäftsführer Achim Hopbach.

Herr Hopbach, zwei neue private MedUnis sorgen für Aufregung. Überrascht Sie das?

Achim Hopbach: Überrascht war ich insofern, da ich davon selbst erst aus den Medien erfahren habe. Es liegen uns derzeit noch keine Anträge auf deren Akkreditierung vor. Näheres kann ich zu den beiden beabsichtigten Gründungen also gar nicht sagen.

Die MedUni Wien befürchtet durch den Ausbau weiterer Privatunis eine Nivellierung der Ausbildung. Von Zweiklassenausbildung und , Dr. med.-light' sowie von der Entakademisierung auf Berufsschulniveau war die Rede

Hopbach: Die Gründe, die für eine angebliche Entakademisierung angeführt werden, sind mir zu vage. Was soll denn Ausbildung auf Berufsschulniveau heißen? Privatuniversitäten haben genau wie öffentliche Universitäten Berufungsverfahren nach internationalen Standards durchzuführen. Im Übrigen kommen sehr viele Lehrende von den öffentlichen Medizinuniversitäten und sind hervorragend qualifiziert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihren akademischen Lebensweg vergessen und plötzlich Lehre wie in der Berufsschule machen.

Welche sind für Sie die entscheidenden Kriterien, etwa in Studie und Lehre, für die Akkreditierung von privaten MedUnis, und wie lange dauert so ein Zulassungsverfahren?

Hopbach: Wie öffentliche Universitäten müssen auch die privaten die Freiheit in Forschung und Lehre sicherstellen, Forschung und Lehre auf internationalem Niveau durchführen und hierfür die entsprechenden Rahmenbedingungen und Ressourcen vorweisen. Für Studium und Lehre bedeutet das, es muss ein gutes Studiengangkonzept geben, das mit qualifiziertem Personal und ausreichenden Ressourcen umgesetzt wird. Die Lehre muss mit der Forschung verbunden sein, und es müssen wirksame interne Qualitätssicherungsmaßnahmen vorhanden sein. Ob diese Kriterien erfüllt sind, überprüfen internationale Gutachter. Auf Grundlage deren Gutachten trifft dann das ebenfalls international zusammengesetzte Board der AQ Austria seine Entscheidung. Ein solches Akkreditierungsverfahren dauert in Österreich vom Tag der Einreichung der Unterlagen an etwa neun Monate.

Jetzt lautet aber einer der Kritikpunkte, Sie würden bei der Zulassung zu sehr nach formalen Kriterien vorgehen und in Ihrer Beurteilung von Privatuniversitäten Wissenschaft und Forschung nicht ausreichend berücksichtigen.

Hopbach: Ein Blick in die Verfahrensregeln der AQ Austria und im Übrigen auch auf die bisherigen Entscheidungen zeigt, dass der in der Presse zu lesende Vorwurf, die AQ Austria könne Privatuniversitäten zulassen, an denen nicht geforscht würde, abwegig ist. Dies gilt auch für die Kritik, es handle sich lediglich um formale Kriterien. Genau das ist offensichtlich nicht der Fall. Die akademische Qualität lässt sich weder formal bestimmen noch ausrechnen. Deshalb nehmen internationale Peers qualitative Begutachtungen der Privatuniversitäten vor. Das gilt für die Qualität der Forschung, die Qualifikation und den ausreichenden Umfang des Personals und so weiter. Diese Beurteilung geschieht nicht formal und auch nicht pauschal, sondern ist auf jeden konkreten Fall ausgerichtet.

Man fordert auch eine Untersuchung der Nachfrage. Wie viele neue MedUnis müssen zu den bereits bestehenden acht in Österreich noch dazukommen, ehe Sie sagen: Jetzt ist es genug?

Hopbach: Die AQ Austria ist keine Marktregulierungs- sondern eine Qualitätssicherungsagentur. Der Gesetzgeber hat uns nicht auferlegt zu bestimmen, wie viele Privatuniversitäten es geben oder in welchen Bereichen es Privatuniversitäten geben soll. Wir haben nur zu entscheiden, ob die internationalen Qualitätsstandards erfüllt werden. Bei den Fachhochschulen sieht es anders aus: Hier müssen wir auch den Bedarf für einen neuen Studiengang prüfen.

Warum aber gibt es diese Ungleichbehandlung in puncto Bedarfsprüfung bei Fachhochschulen und Privatuniversitäten?

Hopbach: Fachhochschulen erhalten, im Gegensatz zu Privatunis, Geld vom Bund. Ich gehe daher davon aus, dass diese Ungleichbehandlung mit der Bundesfinanzierung der FH-Studienplätze zusammenhängt und nur solche Studiengänge eingerichtet und somit Studienplätze finanziert werden sollen, für die es auch Bedarf gibt.

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