Zuwenig Grundlagenforschung?

Nachwuchswissenschafter sehen eine Gefährdung des Forschungsstandorts Österreich

Text: Sonja Dries | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

Die Glühbirne ist nicht beim Versuch erfunden worden, die Kerze zu verbessern, sondern bei Experimenten mit Elektrizität ohne genaues Ziel. Dieses Beispiel wird immer wieder herangezogen, um den Unterschied zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung zu erklären.

Während angewandte Forschung einem Zweck dient, hat man bei Grundlagenforschung nicht unbedingt eine Idee, wofür die Ergebnisse taugen. Wirtschaftliche Bedeutung erlangen die Entdeckungen oft erst Jahrzehnte später. Doch große Innovationen sind immer aus Grundlagenforschung entstanden; zum Beispiel die Computerchips, die heute in den kleinsten Geräten eingebaut sind.

Das war nur möglich dank der Halbleitertechnologie. Und die beruht wiederum auf dem Verständnis der Quantenmechanik. Diese galt in den frühen 1920er-Jahren als esoterisches Teilgebiet der Physik. Nur eine Handvoll Physiker interessierten sich dafür. Damals war nicht abzusehen, ob sie jemals irgendeine technologische Bedeutung haben würde.

Nicht jedes Projekt führt zu großen Neuerungen. Aber wenn man sich von Neugierde treiben lässt, findet man Dinge heraus, die man auf andere Art nicht herausgefunden hätte.

Hilferuf österreichischer Jungforscher: Sie fürchten um die Grundlagen

In Österreich sichert der Wissenschaftsfonds (FWF) die Basisfinanzierung der Grundlagenforschung. Er ist eine durch Bundesgesetz eingerichtete Institution und wird durch Mittel aus dem Wissenschaftsministerium finanziert. Der FWF kommt seinem gesetzlichen Auftrag mittels verschiedener Förderungsprogramme nach.

Neben den Einzelprojekten als wichtigstem Instrument bietet der FWF Programme zur Schwerpunktbildung, für die Doktoratsausbildung, die internationale Mobilität und für die Karriereentwicklung von Wissenschaftern an. Darüber hinaus werden wissenschaftliche Auszeichnungen und Preise vergeben.

Im Wissenschaftsfonds durchläuft jeder Projektantrag vor einer allfälligen Bewilligung ein internationales Peer-Review-Verfahren, in dem ausschließlich im Ausland tätige Fachgutachter die wissenschaftliche Qualität jedes einzelnen Antrags schriftlich beurteilen. Diese Gutachten stellen die inhaltliche Basis für die Entscheidung im FWF-Kuratorium dar, ob ein Projektantrag den Anforderungen entspricht.

Am 3. Mai 2016 veröffentlichte die "Junge Kurie", ein Zusammenschluss von exzellenten Nachwuchswissenschaftern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, einen Hilferuf. Sie warnte vor einer "ernstzunehmenden Gefährdung des Forschungsstandorts Österreich" aufgrund des seit Jahren stagnierenden Budgets des FWF. Aktueller Anlass für den Hilferuf waren Änderungen bei den Antragsrichtlinien für Projekteinreichungen beim FWF. Die Anzahl an Einzelforschungsprojekten wurde pro Forscher auf zwei limitiert.

"Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, es gab Zeiten, da hatte ich bis zu vier Projekte gleichzeitig laufen, und das war für mich extrem wichtig, um aus dem Nichts eine Forschungsgruppe aufbauen zu können", beschreibt Daniel Grumiller, Mitglied der Jungen Kurie, die Problematik der neuen Vorgabe.

Die Jungforscher beschreiben die Geldmittel des FWF als "Mangelbudget"

Auch das Gesamtvolumen der beantragten Förderungssumme wurde beschränkt. Bisher konnte man Projekte mit einer beliebigen Summe einreichen. Je höher die Summe war, desto geringer wardie Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt genehmigt wird. Doch wenn man es gut begründen konnte, war selbst solch eine Förderung möglich.

Jetzt liegt die maximale Summe, die beantragt werden kann, bei 400.000 Euro. Zu wenig, meint Daniel Grumiller, wenn man über mehrere Jahre Forschungsarbeiten durchführen will, für die man bestimmte Ressourcen und Mitarbeiter braucht. Dass der FWF diese neuen Antragsrichtlinien eingeführt hat, kann er angesichts der Bedingungen aber nachvollziehen.

"Sie müssen kreativ versuchen, mit einem Mangelbudget etwas zu machen, das nach Forschungsförderung aussieht", sagt der an der TU Wien tätige theoretische Physiker. Die Änderung der Antragsrichtlinien sei intensiv diskutiert und vom Präsidium nach reiflicher Überlegung beschlossen worden, um ein zu starkes Absinken der Bewilligungsquoten vor allem bei Einzelprojekten zu vermeiden, bestätigt Christine Mannhalter, bis vor Kurzem Interimspräsidentin des FWF.

Der FWF sieht sich vor einer enormen Steigerung der Förderungsanträge

Im Zeitraum 2005 bis 2015 stieg das Gesamtbewilligungsvolumen des FWF von 122,1 Millionen Euro auf 204 Millionen Euro. Die vergebenen Mittel und das verfügbare Budget wuchsen über die vergangenen zehn Jahre im Schnitt um 4,7 Prozent pro Jahr. Im selben Zeitraum erhöhten sich die Zahl der eingereichten Anträge und die beantragte Summe von 351,5 Millionen Euro (2005) auf 818,2 Millionen Euro (2015), also um durchschnittlich 9,3 Prozent pro Jahr. Eine Reihe von Anträgen konnte nicht bewilligt werden, obwohl sie von den Gutachtern vollinhaltlich zur Förderung empfohlen wurden.

Ein mittlerweile pensionierter Referent des FWF sagte Daniel Grumiller, dass er sein Leben lang immer mit gutem Gewissen Projekte ablehnen konnte. In den letzten Jahren sei das allerdings schwierig geworden. Die Gutachter sind in einem Stadium, wo sie exzellente Projekte, die sich im Wesentlichen nur um Beistrichfehler voneinander unterscheiden, gegeneinander abwägen müssen.

Das Ministerium hält die Sorgen der Jungen Kurie für unbegründet. Gerade in den vergangenen Jahren hätte man zahlreiche Maßnahmen zur Attraktivierung des Wissenschafts-und Forschungsstandorts gesetzt. Die Vermutung, dass die finanziellen Mittel für den FWF zwar vorhanden wären, es aber einfach am Willen fehle, Grundlagenforschung ausreichend zu fördern, weist man zurück.

Daniel Grumiller hatte die Befürchtung geäußert, dass es sich in der Politik besser verkaufe, etwas Neues zu schaffen, als etwas Funktionierendes konstant und stetig über einen langen Zeitraum zu unterstützen.

Das Ministerium betont, dass Grundlagenforschung und Innovation eine Zukunftsvorsorge seien und daher gleichermaßen wichtig. Man setze alle Hebel in Bewegung, um dem FWF bestmögliche Rahmenbedingungen für seine hervorragende Arbeit zur Verfügung zu stellen. Es gehe nicht darum, was sich besser verkaufen lässt, sondern darum, was man für eine vielversprechende Zukunft als erfolgreicher Innovationsstandort brauche.

Die Regierung will Forschung und Innovation in den Fokus bringen

Um der Steigerung der Anträge Rechnung zu tragen und die derzeitige Bewilligungsquote beim FWF halten zu können, müsste das Budget des Wissenschaftsfonds um rund acht Prozent pro Jahr steigen. Trotz des Bekenntnisses zum FWF und der Grundlagenforschung muss das Ministerium zugeben, dass diese Anforderung aufgrund der notwendigen Budgetkonsolidierung derzeit leider nicht erfüllbar ist.

Christine Mannhalter erzählt, dass der Wissenschaftsminister immer wieder betone, den FWF unterstützen zu wollen. Letztlich wurde aber darauf verwiesen, dass es andere Prioritäten gäbe und für die Grundlagenforschung derzeit kein zusätzliches Geld vorhanden sei.

Mannhalter will die Hoffnung noch nicht aufgeben. Sie interpretiert die jüngsten Aussagen der Regierung, Forschung und Innovation zu einem ihrer Schwerpunkte zu machen, als positives Zeichen. "Für die Wissenschafterinnen und Wissenschafter Österreichs hoffe ich sehr, dass die Grundlagenforschung und der FWF, die in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen sind, nun mit den notwendigen finanziellen Mitteln ausgestattet werden", sagt Mannhalter. Mitte Mai hat sie ihre Interimspräsidentschaft an den Biologen Klement Tockner abgegeben. Vor allem was die Kommunikation mit dem Ministerium angeht, wird der neue FWF-Präsident einiges an Grundlagenarbeit leisten müssen.

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