HORT DER WISSENSCHAFT

Bettelstudenten

Martin Haidinger | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

"Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst!" und "Ich knüpfte manche zarte Bande", der harmonische Klang dieser herrlichen Schmachtfetzen des Wiener Komponisten Carl Millöcker hat unseren Altvorderen manch Tränen der Rührung in die Äuglein getrieben. Die Schlager stammen aus der Operette "Der Bettelstudent" - seit 1882 ein Straßenfeger. Tatsächlich stellte sich die Situation armer Studenten in Wien vor 150 und mehr Jahren nicht so romantisch dar.

Zeitgenossen beschreiben bittere Armut. Für das Jahr 1847/48 bezahlen nur 42 von 933 neu Immatrikulierten die volle Matrikelgebühr von 40 Gulden. 275 zahlen eine ermäßigte zwischen einem und 4,30 Gulden. Der Rest, 616 Studenten, zahlt gar nichts. Freilich sind darunter auch Militärschüler, Stiftlinge, Stipendiaten, Konviktszöglinge, Priesterseminaristen oder Ordensangehörige.

Doch die meisten sind schlicht zu arm, um an Gebühren in Guldenhöhe auch nur denken zu können, weiß der Studentenkaplan Anton Füster: "Nicht wenige Studenten gab es, welche wochenlang keine warme Speise genossen, deren einzige Nahrung Wasser und Brod war. (...) Von anderen Entbehrungen in Kleidung, Wäsche und dergl. nicht zu sprechen, erwähnen wir der Wohnungen vieler Studenten; finstere, feuchte, im Winter nicht geheizte Kellerlöcher (...) Wir kannten einen Studenten, der gar kein Quartier hatte, sondern im Winter in Heuschobern, Wagenremisen und Scheunen weit außer der Stadt wohnte, und im Sommer, wenn es nicht regnete, unter freiem Himmel schlief. Wer all dieses Elend angesehen, hätte blutige Thränen über die namenlose Armuth vieler Studenten weinen müssen "

Außerdem wird der Verkehr von österreichischen Studenten mit an den Universitäten anderer Staaten des "Deutschen Bundes" verhindert. In Wien ist die Überwachung total. Jede durch Erkrankung verursachte Hinderung des Vorlesungsbesuches muss sofort angezeigt und bei Genesung durch ein gestempeltes Zeugnis gerechtfertigt werden. Studenten, die ohne Rechtfertigung mehrere Absenznoten erhalten haben, sind dem Vizedirektorat der Universität und der Polizei-Oberdirektion anzuzeigen.

Solche Schikanen sollen auch verhindern, dass sich studentische politische Agenten von ausländischen, den freieren deutschen Universitäten, nur zum Schein in Wien immatrikulierten.

Das alles wird die 1848er-Revolution gegen die bedrückende Obrigkeit allerdings nicht verhindern, sondern erst recht entfachen. Und die Studenten setzen sich an ihre Spitze.

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