WAS AM ENDE BLEIBT

Geschichtslüge

Erich Klein | aus HEUREKA 3/16 vom 22.06.2016

Ein Untersuchung, wie Österreich bei den Wahlen der Zweiten Republik mit seiner jüngeren Geschichte, sprich der Nazizeit, umging, wäre aufschlussreich: Auf die ersten Nationalratswahlen im Herbst 1945 folgte rasch die "Integration" ehemaliger Nationalsozialisten als Wähler und Volksvertreter ("Haust du meinen Nazi, hau ich deinen Nazi"). 1970 gab es den Wahlkampf mit dem "echten Österreicher" Dr. Klaus (ÖVP), fünf Jahre später die hysterischen Untergriffe in der Causa Kreisky-Wiesenthal- Peter, und schließlich die "Waldheim-Affäre" 1986, die im historisch verkürzten Streit über die "Geschichtslügen" der Zweiten Republik (Stichwort "Opferstatus") mittlerweile als Wendepunkt gilt.

Noch vor der Aufstellung von Kriterien für einen etwaigen Fortschritt in der Geschichtspolitik des Landes, um daraus Schlüsse zu ziehen, mag man konstatieren: Heute haben alle ihre Lektion gelernt zumindest gibt man sich keine Blößen mehr. Gedenkveranstaltungen werden abgehalten, die entsprechenden Ausstellungen besucht, ja, und sieht man von den obskuren "Privatmeinungen" einiger höherer Beamter in jüngster Zeit ab, verwundert es kaum, dass im letzten Präsidentschaftswahlkampf nicht einmal mehr der linguistische Antifaschismusdisput ausbrach. Beide Kandidaten warben mit "Heimat" - Österreichs Öffentlichkeit ist aber keine, die über Unterschiede zwischen einer "blauen" und einer "überparteilich grünen" Heimat auch nur ansatzweise diskutieren wollte.

Die im letzten Moment doch noch ausgebrochene Jerusalem- Reise-Diskussion führte rasch ins parteipolitische Alltags-Hickhack zurück, gefolgt von medialer Wadelbeißerei. Denkbar ist trotzdem ein naiver Beobachter, der fragt: Was hat Israel eigentlich mit dem österreichischen Bundespräsidenten zu tun? An dieser Stelle sei allerdings eine andere Was-wäre-wenn-Frage gestattet: Was würde im Falle eines blauen Bundespräsidenten (oder einer blauen Regierung) mit dem 8. Mai und dem "Fest der Freude" am Wiener Heldenplatz geschehen? Ursprünglich wurde das rechte "Totengedenken" durch einen einfachen präsidialen Bescheid über die Verwendung des Platzes zur Seite geschoben, danach gut austriakisch zum halben Staatsakt samt Symphoniker erklärt. Stiftet man so Tradition zum guten Zweck, quasi improvisatorisch? Hier ist nicht ganz abzusehen, was am Ende bleibt.

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