Sterben wir an zu vielen Medikamenten?

Meine tägliche Medizin? Lieber zweimal überlegen, denn Wechselwirkungen sind häufig

Text: Uschi Sorz | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Er war 18 Jahre alt und kerngesund. Wenn nur nicht diese quälenden Migräneattacken gewesen wären. Der dagegen verordnete Betablocker löste bei dem jungen Mann Atemnot aus - und eine Odyssee durch diverse Spezialambulanzen. Diagnosen und Medikamentenverschreibungen häuften sich. Schließlich entwickelte er ein schweres, untherapierbares Asthma. Es drohte der ständige Anschluss an die Sauerstoffflasche. Unter den Augen von Experten war er sterbenskrank geworden. Warum?

"Betablocker können bei empfindlichen Menschen Asthma hervorrufen", sagt Georg Wietzorrek, Assistenzprofessor an der Sektion für Molekulare Pharmakologie der MedUni Innsbruck. "Bei dem Burschen kam hinzu, dass er als Kind Asthma gehabt hat." Der Betablocker hatte es wieder aktiviert. "Eine der großen Gefahren bei Arzneineben-und -wechselwirkungen ist, dass man sie oft nicht als solche erkennt und stattdessen eine neue Krankheit diagnostiziert. Gegen die gibt's dann weitere Medikamente." Ein Teufelskreis. Bei dem Jugendlichen waren es zuletzt neben dem Betablocker sechs Asthmamittel und ein Psychopharmakon. Letzteres kann man auch gegen Migräne geben. Das tat man, weil ihm sein Anfangsleiden die ganze Zeit über erhalten geblieben war. Nur dumm, dass Psychopharmaka ebenfalls mit sehr vielem interagieren.

Fälle wie diesen sieht der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie oft - und kann auch die Notbremse ziehen. Weil er nicht nur die Substanzen aus einem bestimmten Fachgebiet gut kennt, sondern alle. Der junge Mann hatte das Glück, dass Wietzorrek hinzugezogen wurde. "Nach dem Absetzen der Medikamente wurde er wieder ganz gesund."

Wachsamkeit im Umgang mit Arzneimitteln dringend nötig

In den USA gelten Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten als dritthäufigste Todesursache. Anders als in Österreich wurde dieser Umstand systematisch untersucht. "Solche Erhebungen gibt es nur dort, wo Pharmakovigilanz ernst genommen wird", sagt Wietzorrek. Pharmakovigilanz heißt Wachsamkeit im Umgang mit Arzneimitteln - Voraussetzung für Qualitätssicherung. Österreichs Arzneimittelgesetz enthält in Paragraph 75 die Verordnung, dass Zwischenfälle gemeldet werden müssen.

"In der Praxis geschieht das viel zu selten." Das zeige sich nicht zuletzt darin, dass es keine repräsentativen Zahlen für unser Land gebe. "Konsequentes Melden von Neben-und Wechselwirkungen würde die Arzneimittelsicherheit heben", weist Wietzorrek auf strukturelle Mängel hin. Ein weiterer sei, dass in Spitälern selten klinische Pharmakologen fix installiert seien. Abteilungen hätten vornehmlich Know-how über die eigene Disziplin, doch für eine fächerübergreifende Kommunikation fehlten ihnen oft die Ressourcen.

"In Deutschland hingegen gehen Arzneimittelexperten bei der Visite mit." Diese Vorsicht sei auch angebracht, denn die Menschen ab einem gewissen Alter haben selten nur eine Krankheit. Bluthochdruck, Cholesterin, eine Schilddrüsenfehlfunktion, Depressionen, Diabetes, vielleicht noch Osteoporose - das gleichzeitige Auftreten solcher Leiden zusätzlich zu einem Akutfall ist weit verbreitet. "Ab sechs Medikationen spricht man von Polypharmazie", sagt Wietzorrek. "Und ab dieser Anzahl kann es lebensgefährlich werden."

Pflanzliche Substanzen können Probleme machen

Auch im Alltag finden sich verschiedenste Wehwehchen nur zu oft in ein und demselben Menschen. Rezepte von mehreren Ärzten sind üblich. Gern nehmen wir rezeptfreie Kräuterpillen und Ähnliches dazu. "Pflanzliche Substanzen sind wirksam, aber nebenwirkungsreich und anfällig für Überdosierung", weiß Wietzorrek. So können Johanniskrautpräparate zusammen mit Psychopharmaka das maligne Serotonin-Syndrom auslösen, mit mitunter tödlichen Krämpfen. Dasselbe kann bei einer Psychopharmaka-Kombination mit opiathaltigen Schmerzmitteln passieren. Und wenn wir schon bei Psychopillen sind: Gemeinsam mit Benzodiazepin-Schlafmitteln können diese alzheimerähliche Symptome hervorrufen.

Auch frei verkäufliche Schmerzmittel sind nicht unbedenklich. Weil sie die Nierenfunktion herabsetzen, können sie zu einer Überdosierung anderer Arzneien führen. Fast alle Blutdrucksenker wechselwirken mit Psychopharmaka und Antibiotika. Letztere wiederum werden durch Milchprodukte wirkungslos.

Über Kombinationen mit Nahrungsmitteln gibt es häufig nur Halbwissen. Das Beispiel mit der Grapefruit kennen die meisten, obwohl sich die betreffende Studie auf Wechselwirkungen durch puren, sehr stark konzentrierten Saft bezog. Doch wer weiß schon, dass potenziell abführende Nahrungsmittel wie Sauerkraut Medikamente wie die Antibabypille unwirksam machen können? Weil es hier einen Spiegel braucht und der Darm ein wichtiges Depot dafür ist.

Für Alkoholkranke ein Plus: neue alkoholresistene Medikamente

Dass Alkohol und Medikamente sich nicht vertragen, ist bekannt. Bei krankhaftem Alkoholmissbrauch ist es aber sicher ein Segen, was gerade an der Universität Graz erfunden wurde: Hier haben Eva Roblegg und Simone Eder am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften eine Methode entwickelt, die die unkontrollierte Ausschüttung der Wirkstoffe von Medikamenten hemmt, wenn man sie zugleich mit Alkohol einnimmt. Speziell Pharmazeutika, die ihre Wirkstoffe über längere Phasen abgeben, enthalten höhere Arzneistoffmengen. Deshalb haben sie Kontrollmechanismen, die ihre langsame Abgabe steuern, etwa in Filmüberzügen. Das Ethanol im Alkohol kann diese aber auflösen.

"Wenn solche Mittel mit Alkohol kombiniert werden, könnte es zu einer Freisetzung der gesamten Arzneistoffmenge kommen, also einer Überdosierung, die schwere Gesundheitsschäden nach sich ziehen kann", erklärt Eva Roblegg. "Das betrifft vor allem Substanzen, bei denen die heilsame Dosis nicht weit von der toxischen Menge entfernt ist." Etwa für Menschen mit chronischen Schmerzen, Depressionen, Herzoder Gefäßkrankheiten. Das Grazer Medikament verzichtet deshalb auf die üblichen Kontrollmechanismen. Stattdessen besitzt es Kügelchen mit Porenblockern, die mit Alkohol nicht wechselwirken und so vor Überdosierung schützen.

Ältere Menschen nehmen im Schnitt acht Medikamente täglich

"Ältere Menschen nehmen durchschnittlich acht verschiedene Medikamente." Monika Lechleitner, Professorin an der MedUni Innsbruck und Primaria am LKH Hochzirl, weist auf diese besonders gefährdete Gruppe. "Denn die Häufigkeit von Erkrankungen nimmt in höherem Alter zu." Leider verträgt man die Polymedikation dann noch schlechter. Etwa weil die Nieren nicht mehr so gut funktionieren. Oder weil man Elektrolystörungen hat, oft verstärkt durch das abnehmende Durstempfinden.

So im Fall einer betagte Patientin, bei der sich akut die Nierenwerte verschlechterten. Trotz Sommerhitze hatte sie kaum getrunken und zugleich Mittel gegen Bluthochdruck, Herzschwäche und Kreuzschmerzen eingenommen. "Nach Absetzen der Medikamente besserte sich das", erzählt Lechleitner, Expertin für medizinische Altersversorgung, aus ihrer Praxis. "35 Prozent aller selbstständig lebenden älteren Menschen leiden an Nebenwirkungen", betont sie. Jeden Siebten davon bringe das in Spital. "Dabei könnten 60 Prozent vermieden werden." Wichtige Arzneien dürften Senioren dennoch nicht vorenthalten werden, etwa um einen Schlaganfall zu vermeiden.

Wietzorrek pflichtet bei. "Das ist wie beim Feuer. Es ist wohltätig und gefährlich zugleich." Es komme auf die wohlüberlegte Zusammenschau aller Medikamente an, und auf das Weglassen von Unnötigem. Das sei höchst individuell. "Patienten und Therapien von der Stange gibt es nicht." Lechleitners Spital ist auch in seinem Sinne ein Vorreiter: "An einigen Abteilungen werden in Kooperationsprojekten gemeinsame Visiten mit Pharmakologen durchgeführt", so die Primaria.

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