Hackeln, bis der Doktor kommt

Ärzte in Österreich arbeiten zu viel, sagt die EU. Und verlangt eine Verringerung der Arbeitszeit

Text: Sophie Hanak | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Die Zufriedenheit des ärztlichen Personals ist hinsichtlich des Einkommens und der Arbeitszeit in den letzten Jahren gestiegen. Zumindest besagt dies eine im Mai 2016 durchgeführte Umfrage (IFES) von rund 2.000 Ärztinnen und Ärzten in Österreich. Das Ergebnis zeigte, dass 57 Prozent der Befragten mit ihrem Einkommen zufrieden sind; 2013 waren es 44 Prozent. Mit ihrer Arbeitszeit waren 57 Prozent zufrieden, 2013 nur 36 Prozent. Jedoch gab es Unterschiede zwischen den Bundesländern, wie etwa das Ergenbis für Wien zeigt: Von den rund 500 befragten Wiener Ärztinnen und Ärzten gaben mehr als die Hälfte einen Stillstand im Spitalswesen an. Auch über die derzeitigen Entwicklungen sind sie unzufrieden und kritisieren das Vorgehen des Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) - hier sind 3.400 Ärzte in elf Wiener Spitälern angestellt.

Europäische Union verwarnt Österreich, Ärzte streiken in Wien

Im März 2014 drohte die EU mit einer Klage, da die Ärzte in Österreich zu viele Stunden arbeiteten. Zwischen der Ärztekammer und der Stadt Wien kam es zu Gesprächen, die sich nicht immer als einfach erwiesen. Mehrere Vereinbarungen wurden getroffen, aber nach Ansicht der Ärzte nicht alle zufriedenstellend ausgeführt. Dies führte im September 2016 zum Streik der Ärzte. Er bewirkte neuerliche Gespräche, jedoch scheint es noch ein weiter Weg bis zu einer endgültigen Einigung zu sein.

"Die ärztliche Arbeitszeit wurde massiv reduziert. Ursprünglich lag die durchschnittliche Arbeitszeit bei den Ärzten bei 55 Stunden pro Woche, punktuell auch darüber -bis 72 Stunden war erlaubt", erklärt Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer. "Dann wurde die wöchentliche Arbeitszeit auf 48 Stunden reduziert. Das hat beim KAV Probleme gemacht, da es die Möglichkeit des Opt-Out nicht gab. So konnte die Arbeitszeit nicht kompensiert werden."

Die entsprechende EU-Richtlinie macht ein Überschreiten der vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von der Zustimmung der betroffenen Dienstnehmer abhängig. Würde das Opt-Out unterschrieben werden, kann der Arbeitnehmer mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten. Diese Übergangsfrist gilt bis 2021. Im Unterschied zu Wien gab es diese Option in einigen Bundesländern schon.

Im Juli 2016 kam die Anweisung des KAV, ab September 2016 nur 40 Stunden pro Woche zu arbeiten und Überstunden nach Möglichkeit zu vermeiden. "Das wäre eine Verminderung um fast ein Drittel der Arbeitszeit. Das lässt sich ohne Leistungsreduktion nicht kompensieren. Die Versorgung für die Patienten sollte aber gleich bleiben. Doch sie würden es spüren. Das war der Grund für unsere Proteste", so Szekeres.

Die Ärzte selbst fühlten sich vom Management des KAV überrumpelt. Eine Diensteinteilung mit zu wenig Personal und einer derart kurzfristigen Reduktion der Arbeitszeit war in so kurzer Zeit nur sehr schwer zu bewältigen. "Die Ärzte sollten in die Änderungen seitens des KAV besser eingebunden werden", sagt Stephan Ubl, Radiologe im Donauspital Wien. "Für uns ist es sehr schwierig, so kurzfristig über geänderte Arbeitszeiten zu erfahren. In den jeweiligen Abteilungen eines Krankenhauses muss dann viel umorganisiert werden. Ich sehe hier Versäumnisse im Management. Eine Spitalsreform sollte von Menschen durchgeführt werden, die Erfahrung im Spitalswesen haben und Einblick in das System. Es fehlt die Absprache mit den Ärzten."

Kürzung der Nachtdienste und Überalterung der Hausärzte

Ein weiteres Ziel des KAV war, die 25-Stunden-Dienste auf 12,5-Stunden-Dienste zu reduzieren. Jedoch ist das nicht in allen Abteilungen sinnvoll. In jenen, wo ein Arzt bisher sieben oder acht 25-Stundendienste pro Monat absolviert und es während der Nachtdienste keine längeren Ruhephasen gibt, wären kürzere Dienste sinnvoll. In weniger anstrengenden Abteilungen wären wiederum die langen Dienste sinnvoll, da längere Ruhephasen möglich und auch weniger Nachtdienste im Monat nötig sind. Aufgrund der Unterschiedlichkeiten der Abteilungen ist es wichtig, dass die Arbeitszeitenänderungen an die jeweilige Abteilung angepasst werden.

Auch wollte der KAV eine bestimmte Zahl an Nachdiensten überhaupt streichen. Bevor diese Kürzungen getätigt werden können, müssen aber zuerst die Rahmenbedingungen verbessert werden. Eine sehr zeitaufwendige Arbeit seitens der Ärzte ist etwa die Aufnahme von Patienten in den jeweiligen Spezialabteilungen.

Um Abteilungen zu entlasten, sollen Patienten zuerst im jeweiligen Krankenhaus in neu etablierten, zentralen Notaufnahmen betreut werden. Dort gibt es ein Team von verschiedenen Spezialisten, die sich um die Patienten kümmern und dann erst, wenn nötig, in die jeweiligen Abteilungen verlegen. Diese zentralen Notaufnahmen sollen die Einführung von Triage-Systemen nach international üblichen Beispielen aufweisen. Seitens des KAV wurde dieses Vorhaben noch nicht vollständig umgesetzt.

Ferner muss der niedergelassene Bereich gestärkt und ausgebaut werden, um die überlasteten Spitalsambulanzen zu unterstützen. Da gegenwärtig viele niedergelassene Ärzte nahe dem Pensionsalter sind und es für junge Ärzte nicht allzu attraktiv ist, sich als Arzt niederzulassen, wird es künftig zu wenige Hausärzte geben. Entlasten sollen hier auch die Entwicklung der Primärversorgungszentren (PHC) und der Ausbau des Ärztefunkdienstes.

Steigerung der Effizienz und die Situation am Land

Hinsichtlich der Effektivität der ärztlichen Tätigkeit sind ebenfalls dringend Reformen nötig. "Aufgrund des Ärzteüberschusses war es früher Usus, dass vor allem junge Ärzte viele administrative Tätigkeiten oder solche gemacht haben, die auch der Pflege erlaubt war wie etwa Blutdruckmessen, Blutabnahmen oder subkutane Injektionen", sagt Szekeres. Durch den Ärztemangel ist es wichtig, dass die Pflege vermehrt diese Tätigkeiten wieder durchführt. Auch sollten die Ärzte von administrativem Personal unterstützt werden. "Mittlerweile gibt es in ganz Europa einen Ärztemangel. In Österreich wird eine Pensionierungswelle erwartet. Sie wird sich bemerkbar machen. So ist es wichtig, attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten. Auch sollten Politik und die Sozialversicherung ihre Wertschätzung gegenüber den Ärzten steigern", sagt Ärztekammerpräsident Szekeres.

In ländlichen Gebieten wird der Ärztemangel in den nächsten Jahren besonders zu spüren sein. Schon jetzt sind in vielen Orten die Kassenstellen der Landärzte unbesetzt. Vor allem Ärzte aus größeren Städten trauen sich aufs Land. Hier sind ein Umdenken und Förderprogramme erforderlich, um die niedergelassenen Ärzte zu unterstützen. In Dänemark etwa müssen die Ärzte während ihrer Ausbildung sowohl in einem Krankenhaus in der Stadt als auch am Land arbeiten. Dies ist sinnvoll, denn auf diese Weise kann viel Wissen ausgetauscht werden. Auch wird dem Ärztemangel am Land entgegengewirkt.

Unterschiede zwischen den Ländern und der Stadt Wien

Hinsichtlich der Arbeitszeitenregelung gibt es in den Bundesländern im Vergleich zu Wien Unterschiede. In Vorarlberg etwa gab es für die Ärzte die Möglichkeit, das Opt-Out zu unterschreiben, im LKH Feldkirch haben dies 90 Prozent getan. Somit arbeiten die Ärzte dort annähernd soviel wie zuvor: durchschnittlich 60 Stunden pro Woche, punktuell auch bis zu 72 Stunden. Diese Übergangsfrist gilt bis Sommer 2021. Dann ist die maximale Dauer eines Nachtdienstes mit 25 Stunden einzuhalten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt dann 48 Stunden.

Um letztendlich eine für Patienten und Ärzte zufriedenstellende Reform zu bewerkstelligen, wird noch eine Menge zu tun sein - und vielleicht auch noch der eine oder andere Streik ausgerufen. Ein Blick über die Grenzen von Österreich hinaus lohnt hierbei. Denn in Skandinavien etwa funktioniert das System mit 40 Wochenstunden recht gut. In den Abteilungen herrscht eine kollegiale und respektvolle Stimmung. Die Hausärzte haben hohes Ansehen, und junge Ärzte werden gefördert - und es wird ihnen auch mehr zugetraut.

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