: DYSPHAGIE

Einfach wieder schlucken lernen

Der Intensivmediziner Rudolf Likar am Klinikum Klagenfurt verzeichnet überraschende Erfolge bei Schluckstörungen mit neuer Medizintechnologie

Uschi Sorz | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Schluck! Was ist, wenn man genau das nicht mehr eigenständig tun kann? Leider ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Nach einem Schlaganfall etwa sind immerhin 30 bis 78 Prozent der Patienten von Schluckstörungen (Dysphagie) betroffen. Rund 40 Prozent kämpfen noch nach einem Jahr damit. Bisher konnte man dem bis auf logopädische Maßnahmen wenig entgegensetzen. Hoffnungsträger ist nun das neue Medizingerät Phagenyx der Firma Phagenesis, das die neurologische Kontrolle über das Schlucken wiederherstellen kann. Rudolf Likar, Professor an der Medizinischen Universität Graz und Leiter der Anästhesiologie und allgemeinen Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, setzt es im Rahmen einer internationalen Studie an Schlaganfallpatienten als einer der ersten in Österreich ein. Dabei entdeckte er, dass es nicht nur nach Schlaganfällen, sondern auch bei Intensivpatienten erfolgreich ist. Denn auch bei künstlich Beatmeten kann das Unvermögen zu schlucken zum Problem werden. Seit einem Jahr leitet Likar nun eine eigene Studie, die den Einsatz bei dieser Patientengruppe näher untersucht.

Herr Likar, Sie leisten mit einem neuen Medizingerät, das in England entwickelt wurde, in Klagenfurt Pionierarbeit. Wie kam das?

Likar: Am Klinikum Klagenfurt erproben wir Phagenyx bereits seit einigen Jahren. Das Gerät wurde für Schlaganfallpatienten mit Schluckstörungen konzipiert, denn die kommen bei ihnen häufig vor. Das ist nicht nur quälend für die Betroffenen, sondern erhöht zum Beispiel auch das Risiko einer Lungenentzündung um das Dreifache. Nun haben wir erstmals eine Technologie, die an der Ursache ansetzt, und die funktioniert hervorragend. Also haben wir uns überlegt, sie auch bei Patienten in der Intensivstation anzuwenden. Wir waren selbst überrascht, wie gut das gelang. Daher leite ich jetzt seit einem Jahr gemeinsam mit internationalen Kollegen eine europaweite Studie zu diesem anderen Einsatzbereich. Das ist ein neuer Ansatz bei Dysphagie in der Intensivmedizin.

Schlaganfallpatienten können nicht schlucken, wenn der dafür zuständige Bereich im Gehirn geschädigt ist. Wie ist das bei Intensivpatienten?

Likar: Schluckstörungen bei Schlaganfallpatienten sind neurologisch bedingt. Bei ihnen geht es in der neuen Behandlung darum, die Reorganisation des Gehirns anzuregen und den Schluckreflex zu aktivieren. Sie erlernen ihn praktisch neu. Das Erstaunliche ist, dass das mit nur drei Behandlungen à zehn Minuten an drei aufeinanderfolgenden Tagen gelingt, und zwar durch ein für den Patienten optimiertes elektrisches Signal an der Hinterseite des Rachens. Auf der Intensivstation hingegen liegen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen. Bei ihnen kann es zu einer sogenannten Schwerkranken-Polyneuropathie kommen, also einem Nervenschaden. Ihre Muskulatur ist geschwächt, sie haben keine Kraft zu schlucken und Sekret abzuhusten. Dieses sammelt sich im Rachen an und man muss verhindern, dass es in die Lunge kommt.

Was bringt die neue Technik für Intensivpatienten?

Likar: Gerade habe ich eine junge Emboliepatientin sehr glücklich gemacht, weil ich sie frühzeitig aus der Station entlassen konnte. Wir haben sie mit diesem Tool wieder zum Schlucken und Abhusten gebracht und konnten dadurch den Beatmungsschlauch schneller als sonst entfernen. Das ist ein großer Gewinn für die Lebensqualität. Die Behandlung wird weniger langwierig, die Leute können früher essen und genesen rascher. Zirka 20 Prozent der Intensivpatienten haben Schluckstörungen, also gar nicht so wenige. Das wird oft unterschätzt. Ich finde, das Gerät ist ein Meilenstein, sowohl in der Schlaganfall- als auch in der Intensivbehandlung. Wenn die Erfolge weiterhin so gut sind, wird es hoffentlich nach dem Abschluss der Studien zur Standardtherapie.

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